Emil ist verhinderter Literat und lebt in einem Tiny House als Marketinginstrument: Denn seine Existenz dort wird gestreamt. Auf sozialen Medien hat er viele Follower. Aber es ist nur die erste Station von vielen eher abwegigen und doch sehr gegenwärtigen Berufen, die er in Mario Wurmitzers aktuellem Roman ergreift: Wie in einem Social-Media-Feed stolpert er von einem suggested content zum nächsten, könnte man sagen, und verfängt sich dabei in neoliberal-rechtsradikalen Kreisen. Eine maximal unterhaltsame Satire auf die aktuellen Verhältnisse.
Emil mag sein Leben in dem Tiny House: Beobachtet zu werden stört ihn nicht. Während er als Maskottchen des Unternehmens gut ankommt und Views erzeugt, läuft der Verkauf der kleinen Häuser allerdings nicht so optimal. Ebenfalls suboptimal läuft sein Schreiben und sein Sozialleben. Eigentlich meldet sich nur Maxim bei ihm – ein junger Erbe. Aber eigentlich hat er keine Lust mehr auf ihn. Als die Modellsiedlung Haus für Haus abgefackelt wird, gerät alles in Schieflage. Er wird rausgeschmissen. Wie eine Katze landet er aber auf den Füßen – seine große Zahl an Followern ist sein Kapital. Ein ehemaliger Schulkamerad, Martin, ist inzwischen Milliardär eines umstrittenen Bezahldienstes, PayNice. Das Unternehmen ist aber in Verruf geraten – etwas Social-Media-Publicity könnte helfen.
„Nicht der Staat ist die Instanz, die über uns richtet, sondern der freie Markt – das dürfen wir nicht vergessen“ (87).
In PayNice gibt es im Pausenraum Sex, Parties und alsbald juristisches Drama. Ebenso ist Martin mit seltsamen Gestalten verbandelt, zum Beispiel sinistren Rechtspopulisten aus Italien. Ganz klar, auch dieses Kartenhaus zerfällt…
Wie ein postmoderner Don Quichotte stolpert Emil von einer Gelegenheit zur nächsten, sein wunderlicher Charakter – irgendwie selbstbezogen, gleichsam freundlich und ohne Drive oder Missgunst – hilft ihm dabei und ist gleichzeitig Stolperstein. Die meiste Zeit scheint er übrigens betrunken zu sein – also ein charmanter, eigener und höchst unzuverlässiger Erzähler.
„Im Tankstellenshop habe ich die ein oder andere Flasche Rum erworben. Ich muss endlich wieder einen klaren Kopf bekommen. Es geht mir zurzeit nicht besonders gut. Früh aufstehen, gesund essen, viel Sport – das hat mich kaputt gemacht“ (211).
Mario Wurmitzer nimmt das Österreich der Gegenwart politisch und gesellschaftlich mit seinem Roman Tiny House ordentlich aufs Korn. Fast gleich einer entropischen Dynamik scheinen diese wirtschaftlichen Unternehmungen in Verquickung von zweifelhaften Geschäftsmodellen, Geltungssucht und zwielichtigen politischen Verbindungen zu zerschellen. Klug, unterhaltsam, am Puls der Zeit – in dieses Tiny House zieht man für ein paar Stunden gerne ein!
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Tiny House von Mario Wurmitzer ist bei Aufbau erschienen.
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