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Die Geister die man ruft: 100 Boyfriends von Brontez Purnell

100 Boyfriends von Brontez PurnellEine Spritztour durch San Francisco: Die Stories in Brontez Purnells 100 Boyfriends beginnnen mit Sätzen wie “I had out-trolled myself once again” und sind – dieser eine Satz ist schon Beweis genug – zu gleichen Teilen urkomisch und melancholisch. So locker wie die Sexualmoral dieser Erzähler führt uns 100 Boyfriends durch ein durchtriebenes San Francisco, unterhaltsam, versaut und oft ganz schön perspektivlos.

Es ist ein großes ficken und gefickt werden (im doppelten Sinn): Brontez Purnell hat das große Talent, Stories zu schreiben, die eigentlich ziemlich traurig sind und den Leser dann doch mehrmals laut loslachen lassen. Es ist eine Frage des Stils: Er lässt seine Erzähler in den recht kurzen Stories absolut unverblümt aber voller Selbstironie über zügellose Ausschweifungen in der Stadt erzählen. In “Letter of Resignation” berichtet der Erzähler davon, den Mann eines Kollegen zu vögeln – unter der Annahme, dass dieser davon nichts weiß. Eigentlich kann er diesen für seine Geschmack zu tuckigen Kollegen – Sex hatte man trotzdem – nicht ausstehen. Er selbst gibt sich seit dem Tod des Vaters hochriskanten Begegnungen in den Badehäusern der Stadt hin. Die Pointe ist letztlich, dass er seinem Kollegen die Nachricht von der Affäre mit dem Ehemann steckt, um ihn endlich mal zum Schwiegen zu bringen. Doch tatsächlich unterhalten sich die Eheleute über ihn, etwas, dass den Erzähler dann zu einer Übersprungshandlung führt.

In einer der längsten und wenigsten anzüglichen zugleich besten Geschichten, “Early Reirement”, verliert ein mäßig erfolgreicher Schauspieler wegen Trunkenheits seinen Job und verdingt sich fortan in den Cannabis-Farmen im nordkalifornischen Hinterland seinen Lebensunterhalt und findet zu einer neuen Gelassenheit. Zwischen diese längeren Erzählungen sind kurze Vignetten von zwei bis drei Seiten – sie machen das Gros des Bandes aus – die ein wildes San Francisco zeigen. Sätze wie “I remember we had sex on the sidewalk, three different people walked past us und didn’t even stop to notice. God bless San Francisco” (36) wechseln sich dabei ab mit unverhofft nachdenklichen Schätzen wie “Abandoned buildings are like abandoned people – they die sooner” (22).

100 Boyfriends ist ein aufregendes Buch, ein Ausschnitt einer Stadt, in der vieles geht, aber nichts wirklich irgendwo hinzuführen scheint. Gleich zwei Stories enthalten das Wort meandering im Titel (mäandernd, abschweifend). Die Interessen dieser Männer scheinen doch sehr verengt – scheinbar hatten hier alle um die 100 Boyfriends (nicht, dass jemand noch wirklich den Überblick hätte), obgleich Boyfriend hier ziemlich euphemistisch ist. Die Schattenseiten dieses zügellosen Lebens aus unerwiderter Liebe und schlimmen Kopfschmerzen schimmern hier nur noch peripher durch. 100 Boyfriends ist selbstbewusst queere Literatur, die – und das ist hier ganz wichtig – nicht über ihre Partikularität interessant ist, sondern dank tonnenweise literarischem Talent, das über seine Szene hinaus viel über Verlangen erzählen kann. Ein Highlight dieses ersten Halbjahres 2021!

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100 Boyfriends ist bei Farrar, Straus and Giroux erschienen. Eine deutsche Übersetzung folgt im Herbst bei Albino.

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