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Irgendetwas, das hält: Entfernte Geliebte von Maike Wetzel

Entfernte Geliebte von Maike WetzelMaike Wetzels dritter Erzählband Entfernte Geliebte versammelt Geschichten aus den letzten neunzehn Jahren. Einige davon waren in ihren ersten beiden Sammlungen Anfang des Jahrtausends erschienen, andere in anderen Formaten und weitere waren bisher unveröffentlicht. Ein stringenter thematischer Faden sollte also nicht zu erwarten sein, doch sind sie unverkennbar von einer Hand. Und das obwohl die achtzehn Texte in Länge, Sujet, Stil und Qualität viel Variation bieten. An manchen Stellen schwingt sie sich dabei zu Höhen auf, die nur wenige erklimmen können.

Man sollte ein Buch nicht nach seinem Cover beurteilen. Kann man einen Erzählband nach den Texten werten, die es rahmen? Natürlich nicht. Doch ich habe “Fremde Fenster” und “Leuchtend rosa” – die jeweils erste und letzte Erzählung des Bandes – zuerst gelesen und dachte, “Alter Schwede – Maike Wetzel ist die deutsche Joy Williams!” Eingeweihte wissen: Ein größeres Kompliment kann man einer Autorin eigentlich nicht machen – schon gar nicht wenn es um Kurzprosa geht. Wenn man nur einen Erzählband in seinem Leben gelesen haben muss, dann ist es The Visiting Privilege von Joy Williams, da lege ich mich fest.

Vor allem “Fremde Fenster” ist eine Bank, an der – und das ist nicht weiter schlimm – nicht alle Texte der Sammlung reichen. Und ja, er erinnert mich an Joy Williams: Da ist der trockene Humor, der nicht nur witzig ist, sondern tatsächlich etwas erzählt. “Fremde Fenster” lotet die emotionale und physische Distanz zwischen zwei Menschen aus, nimmt sich dabei Zeit, ohne zu trödeln. Woher oder wie lange sich beide kennen, bleibt ungewiss. Der Text beginnt, wo es interessant wird: Der Mann gesteht der Frau seine Liebe, sie aber “hatte nicht mit einem solchen Angriff gerettet” (7). Sie erwidert das Geständnis erstmal nicht. In Postkarten, die sie sich hin und her schicken, erfinden sie sich erst einmal. Wie zwei Menschen zueinander kommen, mit sich selbst und dem anderen verhandeln, zeigt Wetzel hier auf wunderbare Weise, bei dem das innere Tauziehen der Frau im Vordergrund steht und Romantik mit Pragmatismus abgewogen werden: “Das Problem der Frau war, dass sie alles zu Ende dachte. Sie sah eine Sachertorte, sah die Verfettung, Herzinfarkt und frühen Tod” (15).

“Fremde Fenster” hat eine erzählerische Magie, die man nur schwer beschreiben kann. Und am deutlichsten blitzt sie wieder in “Leuchtend rosa” hervor. Auch hier bilden romantische Vorstellungen von der Liebe und der pragmatischen Erfüllung gehegter Lebensträume den Strudel, der an Mann und Frau zerrt. Wieder fokalisiert sich die Erzählstimme auf die Frau: “In den Augen der Frau war der Mann zu viel imstande, wenn sie ihn nur genug triezte” (225). Potenzial oder Tatsachen? – eine Frage, die sich wahrscheinlich schon viele Paare gestellt haben. Andere Tatsachen nehmen Entscheidungen ab: “die Zeit drängte” (226). Die Entscheidung, ein Kind zu zeugen, wird im Eifer des Gefechts getroffen: “Prompt feuerte er das Kondom in die Ecke. Dort paarte es sich mit den Staubmäusen” (226). Das Kind bindet beide aneinander und treibt sie gleichzeitig auseinander: “Alles rutschte nach unten. Ihre Laune, ihre Augen, ihr Lächeln – alles fiel in ihre Kehle zurück und schnürte sie zu” (230). Zweifel und Glücksmomente wechseln sich ab, hinter all dem steht die drängende Frage: Wie macht man ein gelungenes Leben?

Obwohl beide Erzählungen aus der dritten Person erzählt sind, kriecht Maike Wetzel ihren Protagonisten unter die Haut, legt ihre inneren Widersprüche offen, erzählt sie aus, ohne sie aufzulösen. Es ist ein Kunststück, das die Texte lange nachhallen lässt. Das gelingt Wetzel nicht mit jedem Text. Die Klarheit, mit der sie in “Fremde Fenster” erzählt, fehlt beispielsweise “Doppelleben”. Hier beobachtet eine Parkhauswächterin zwei Liebende in der Tiefgarage, sucht “im Strudel der Möglichkeiten nach etwas, das hält” (36). Der Text zerfällt darauf in Spiegelungen und Sprüngen, denen man nur schwer folgen kann.

Besser ist Entfernte Geliebte, wenn Wetzel mit der Klarheit und Ruhe der Eröffnungsgeschichte erzählt. “Geister” seziert in starken Bildern den Zerfall einer Familie an der Magersucht der älteren Schwester. Hunger bekommt hier eine quasi-religiöse Bedeutung. Er macht die Schwester im Kern aus. Auch im Kampfsport, an dem beide teilnehmen, ist hungern vor dem Wettkampf essenziell, um antreten zu können. Ebenfalls stark ist “Zeugen”. Hier erzählt die Protagonistin davon, wie sie mit einer heimlichen Affäre Zeugin eines tödlichen Autounfalls wird und einem neuen Liebhaber erstmals von diesem Geheimnis erzählt. In “Schlaf” geht es um ein junges Mädchen, dass bei der Großmutter unterkommt, während die Mutter in psychiatrische Behandlung kommt. Es ist eine Art zweite Chance für alle Beteiligten, die Fehler der Vergangenheit drohen sich dennoch zu wiederholen.

Alles in allem ist Entfernte Geliebte ein facettenreicher Band, der vor allem glänzt, wenn er den Alltag seiner Figuren beleuchtet. Wenn es so etwas wie eine thematische Verbindung zwischen den einzelnen Texten gibt, dann ist es eine Suche nach Halt in einer Welt in der große Erzählungen (z.B. Religion) nicht mehr überzeugen und was die Protagonisten bereit sind, dafür zu geben – sei es bedingungsloses Hungern oder das richtige Kind mit dem falschen Mann.

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Entfernte Geliebte ist bei Schöffling & Co. erschienen.