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Einkaufslisten, wütende Textnachrichten und Romane: Ein Interview mit Jill Eisenstadt

Jill Eisenstadt Interview Swell
© Beowulf Sheehan

Jill Eisenstadt hat mit Swell einen der bezauberndsten Romane des Sommers veröffentlicht. Es ist ihr erster Roman seit 26 Jahren. Ende der 80er Jahre kam sie zusammen mit einer Reihe anderer junger Schriftsteller wie Bret Easton Ellis, Jay McInerney, Donna Tartt und Tama Janowitz (dem sogenannten Brat Pack) zu Ruhm. Anfang der 90er wurde es dann still um die heute 54-jährige New Yorkerin. Was sie so lange aufgehalten hat, erzählt sie im Schmiertiger-Interview.

Du hast lange Zeit keinen Roman veröffentlicht. In einem Interview mit dem Magazin Vulture hast du gesagt, dass du nach Kiss Out! Einen dritten, bis heute unveröffentlichten, Roman fertiggestellt hast. Ist dieser Roman oder Teile davon im Laufe der Zeit zu Swell geworden?

Jill Eisenstadt: Mein dritter, unveröffentlichter Roman, Lucy Person, hat eigentlich keine Verbindung zu Swell mit Ausnahme der Tatsache, dass er sich auch um ein in New York passiertes Desaster dreht. 1989 ist eine große Dampfleitung explodiert und hat mein Apartment in Mannhaften mit Asbest verseucht. Dieses Ereignis habe ich in dem Roman verarbeitet.
Erst kürzlich hat mich mein Verleger gefragt, ob ich Lucy Person doch noch veröffentlichen möchte, aber ich glaube nicht, dass ich das weiterverfolgen werde.

Im selben Interview hast du auch gesagt, dass du keine Schriftstellerin sein willst, deren Romane alle in Queens angesiedelt sind. Nun bist du doch nach Rockaway zurückgekehrt (Rockaway gehört zu Queens). Was hat deine Meinung geändert?

Jill Eisenstadt: Nach meinen ersten beiden Romanen dachte ich, bereit für etwas anderes zu sein. Ich schwor mir, keine Erzählungen mehr in New Yorks Außenbezirken spielen zu lassen. Dennoch war ich weiterhin besessen von meiner Heimatstadt Rockaway. Ich habe die Lokalnachrichten und sonstige Geschichten verfolgt, habe Anekdoten und Beobachtungen aufgeschrieben. Ich habe auch die Geschichte der Halbinsel recherchiert und sogar einige nicht-fiktionale Texte darüber geschrieben. Eines Tages, um 2006, habe ich mich ziemlich über eine meiner Teenager-Töchter aufgeregt: Sie machte sich das Leben immer unnötig schwer. Und in diesem einen Moment war ich deshalb unglaublich sauer und schrieb ihr, in Großbuchstaben, „Warum kannst du nicht einfach durch die Türen laufen, die sich dir öffnen? Warum musst du dir immer an den verschlossenen den Kopf stoßen?“ Das war natürlich genau das, was ich selbst gemacht habe – zwanzig Jahre lang! Als ich mir also endlich „erlaubte“, wieder über Rockaway zu schreiben, war ich sofort aufgeregt und bei der Sache.

Was soll ich sagen? Einen Roman zu schreiben, ist hart!

Swell spielt im Jahr 2002. Wann hast du mit dem Projekt begonnen und wie lange hast du daran geschrieben? War es eine bewusste Entscheidung, zur Roman-Form zurückzukehren?

Jill Eisenstadt: Swell begann mit einer Story für die Anthologie Queens Noir [2006]. Der Roman enthält aber auch Material vor dieser Zeit. Ich habe nie bewusst entschieden, mit dem Romanschreiben aufzuhören oder es wieder aufzunehmen. Ich habe eine Menge andere Dinge geschrieben – Journalismus, Essays, Drehbücher, Einkaufslisten. Ich kämpfte einige Zeit mit Erzählliteratur und hatte einige Fehlstarts. Was soll ich sagen? Einen Roman zu schreiben, ist hart!

Du hast wie viele andere große Schriftsteller deiner Generation in Bennington studiert. Warum glaubst du sind so viele erfolgreiche Autoren aus dieser Universität hervorgegangen? Da der Schreibstil zwischen den einzelnen Autoren, von Donna Tartt zu Bret Easton Ellis zu dir, sehr unterschiedlich ist, frage ich mich, wie das Studium am Bennington College deine Herangehensweise ans Schreiben geformt und beeinflusst hat.

Jill Eisenstadt: Ich glaube, es war einfach ein glückliches Aufeinandertreffen von verschiedenen Menschen an einem Ort. Bennington College hat sich einem „Learning by Doing“-Ethos verpflichtet und nimmt diesen sehr ernst. Es gibt also keine Noten oder Anforderungen. Der Campus befindet sich auch in einer ländlichen Gegend in Vermont – es gibt demnach auch wenig Ablenkung. Es gab ja auch noch keine Zeit sozialen Medien. Für wirklich eigenmotivierte junge Künstler ist diese Art von Freiheit Gold wert. Wir haben auch nicht nur geschrieben, wir haben auch Musik und bildende Kunst gemacht. Wir haben vier Jahre damit verbracht, Dinge herzustellen. Bret [Easton Ellis] und ich (zu einem gewissen Grad Donna [Tartt]) haben auch von der enormen Großzügigkeit den Schriftstellers/Dozenten Joe McGinniss profitiert, der sich für unsere Arbeiten stark machte und die Manuskripte Agenten und Lektoren zeigte.

In From Rockaway wie auch in The Rules of Attraction von Bret Easton Ellis sowie The Secret History von Donna Tartt tauchen untereinander viele intertextuelle Referenzen auf. Wie kam es dazu, habt ihr darüber geredet?

Jill Eisenstadt: Bret nannte seine fiktionalisierte Version von Bennington „Camden“. Aus Spaß habe ich denselben Namen in From Rockaway benutzt. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns darüber wirklich unterhalten hätten, was diesen Namen und andere Referenzen zwischen den einzelnen Romanen angeht. Ich kann natürlich nur für mich sprechen. Ich denke aber schon, dass wir uns alle bewusst entschieden haben, diese Verweise einzubauen – es gab da also keinen Master Plan, den wir als Gruppe diskutiert hätten. Ich habe einfach nur gelacht, wenn ich über so eine Stelle in den Romanen der Anderen gestolpert bin. Für mich war es aber auch eine Art Hommage an Bret, der eine große Hilfe für mich war.

Diese Querverweise unter den einzelnen Texten macht es für den Leser natürlich sehr interessant, auf Entdeckungsreise über den einzelnen Text hinaus zu gehen. Eine Sache, die in den Bennington-Romanen auftaucht, sind zum Beispiel die „Dressed to Get Laid“-Parties (Deutsch: „Angezogen, um flachgelegt zu werden“)…

Jill Eisenstadt: In Bennington gab es tatsächlich eine jährliche „Dressed to Get Laid“-Party und jede Menge andere Themen-Parties, die soweit ich mich erinnere auch in From Rockaway erwähnt werden. Ich habe keine Ahnung, ob es diese Parties heute noch gibt. Während der 1980er Jahre konnte man in Vermont schon mit 18 Jahren Alkohol trinken. Inzwischen wurde das auf 21 Jahre heraufgesetzt. Es könnte also sein, dass dort heute etwas weniger gefeiert wird.

Mit Swell bist du zu Charakteren deines Debüts zurückgekehrt. Warum hast du dich entschieden, wieder über Tim zu schreiben?

Jill Eisenstadt: Wieder zu Tim zurückzukehren, war nicht der ursprüngliche Plan. Nachdem ich eine Weile daran gearbeitet hatte, aus der Perspektive eines ehemaligen Feuerwehrmanns zu schreiben, realisierte ich, dass es Tims Stimme war, die ich hörte, als ich schrieb. Es war nur eine ältere Version von Tim. Sobald ich mich entscheiden hatte, ihn zurückzubringen, musste ich auch den anderen Charakteren aus From Rockaway Rechnung tragen. Komischerweise musste ich darüber überhaupt nicht nachdenken. Ich wusste sofort, wo sie 15 Jahre später sein würden.

Die Tatsache, dass Wasser Sturmenergie speichern und damit tausende Kilometer weit reisen kann, ist so… menschlich.

In Swell spielt ein Geisterhaus eine zentrale Rolle. Alte Dämonen und nicht überwundene Traumata loszulassen ist etwas, das viele Figuren beschäftigt. Sein eigenes Leben neu zu bewerten und mit Vergangenem abzuschließen, war das etwas, das dich beim Schrieben interessiert hat?

Jill Eisenstadt: Ja, die Art und Weise wie die Vergangenheit die Gegenwart heimsucht, war definitiv etwas, das ich in dem Buch erforschen wollte. Damit meine ich nicht nur Dinge, die passiert sind, sondern auch wer wir einmal waren.

Ein „Swell“ ist eine Ozeanwelle, die nicht durch lokale Winde wächst, sondern eine, die an einem anderen stürmischen Ort in der Vergangenheit entstanden ist. Die Tatsache, dass Wasser Sturmenergie speichern und damit tausende Kilometer weit reisen kann, ist so… menschlich.

In Swell zitierst du die erste Zeile aus Bret Easton Ellis‘ erstem Roman Less Than Zero. Tim sagt diesen Satz, kann sich aber nicht mehr an den „berühmten Autoren“ erinnern, der diese Zeilen geschrieben hat. Ellis hat kürzlich erst die Neuauflage von From Roackaway auf seinem Instagram-Account angepriesen. Hast du heute noch zu den anderen Bennington-Autoren Kontakt?

Jill Eisenstadt: Bret lebt an der Westküste, ich an der Ostküste. Das macht es schwer, in engem Kontakt zu bleiben, aber wir schreiben uns hin und wieder und sehen uns auch ab und zu. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich das Vergnügen, mit ihm zur Eröffnung von American Psycho, the Musical zu gehen, was eine surreale und lustige Erfahrung war. Donna lebt auch in einem anderen Bundesstaat, also habe ich sie lange nicht gesehen. Zu besonderen Gelegenheiten schreiben wir uns aber Briefe. Mit Jonathan Lethem habe ich kürzlich ein Interview für einen Bennington-Blog gemacht.

Letzte Frage: Was liest du zurzeit?

Jill Eisenstadt: Ich habe Die Vegetarierin von Han Kang angefangen und bin dabei, alles von Jane Austen als Audiobuch zu hören.

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Jill Eisenstadts aktueller Roman Swell erschien im Juni 2017 bei Lee Boudreaux Books (hier entlang zur Kritik). Einige ihre journalistischen Arbeiten sowie Essays sind über Ihre Website jilleisenstadt.com abrufbar.