Kritik

Chaos in Westberlin: Zeppelin und Karpfen von Hannah Mann

Zeppelin und Karpfen von Hannah MannWestberlin in den 1980ern: Hier lebt Suzanna mit ihrem Mann und ihrer Tochter Daria. Als Fotografin hält sie die Familie finanziell über Wasser, während der Mann sich als Künstler versucht. Etwas außerhalb wohnen noch ihre Eltern. Eine Migrationsgeschichte: In Warschau waren sie als Juden nicht mehr erwünscht. Richtig angekommen ist vor allem aber die Mutter nie. Von einer Nacht auf die andere verschwindet sie. Zeppelin und Karpfen ist ein vielschichtiges, aber auch flott erzähltes Familienporträt und der Debütroman Hannah Manns – Urenkelin von Heinrich Mann.

Etwas atemlos und entwurzelt ist Suzanna: Aufgewachsen ist sie in Warschau, als Jugendliche musste die Familie dann weg. Die Mutter spricht kaum Deutsch, im großen Haus am Rand Westberlins lebt sie ziemlich isoliert. Ihr Vater war als Geschäftsmann viel unterwegs. Und auch Suzannas Mann, ebenfalls mit Migrationshintergrund, zieht es in die Metropolen des Westens. Als Künstler erscheint ihm Westberlin zu isoliert. In dieser Unruhe ist Daria das Gegenteil: ein kluges Mädchen, das seine Tage streng durchtaktet, aber kaum Freundinnen hat und von Ufos besessen ist.

„Seit wir in Deutschland sind, will sie nur noch rauchen. Sie raucht, als wären Zigaretten etwas, das sie am Leben erhält und gleichzeitig davon erlöst“ (S. 120).

Es ist also keine ganz so einfache Situation, die noch schwerer wird, als die Mutter plötzlich verschwindet. Mit nur wenigen Hinweisen begibt sich Suzanna zusammen mit Daria und ihrem Vater auf eine Schnitzeljagd, die durch Westberlin, Westdeutschland und in die russische Vergangenheit der Mutter führt. Denn da ist ein Foto von einem Zeppelin, das sie am Vorabend ihres Verschwindens Daria zeigte.

Zeppelin und Karpfen ist ein unterhaltsamer Text mit Tiefe, der gleichsam ein Porträt einer jüdischen Familie in der Diaspora ist wie auch eine Zeitkapsel ins geteilte Berlin. In einem schwierigen Verhältnis von Ankommen und Aufbrechen befindet sich die junge Familie. Da ist das Fotostudio, die Eltern in Berlin – auf der anderen Seite drängt der Mann auf einen neuen Ort, weil er sich in Westberlin in einer Sackgasse wähnt – was die Stadt ja durchaus war. Zeppelin und Karpfen erzählt von den Widrigkeiten, die das Leben einem entgegenwirft, wenn es ohnehin nicht einfach ist, und von der Resilienz, die sich in solchen Situationen der Überforderung zeigt, sowie dem Gedanken, dass zuhause dort ist, wo die Familie ist.

Zeppelin und Karpfen von Hannah Mann ist bei Aufbau erschienen.

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