Akademisch, urban, die Kinder sind raus: Wenn es wichtig ist von Sigrid Nunez vereint vierzehn Erzählungen der amerikanischen Bestsellerautorin, die über mehrer Jahrzehnte des Schreibens entstanden sind. Eloquent erzählen überwiegend Frauen mittleren Alters aus ihrer Gegenwart, an der oft noch die Vergangenheit nagt.
In der ersten Erzählung, „Philosophen“, erinnert sich eine erfolgreiche Schriftstellerin an ihre erste Liebe, Ace. Ein cooler Typ, den die Lehrerin als Philosophen sah, wenngleich er nicht der Überflieger der Schule war. Aber von einer Coolness, die beim anderen Geschlecht ankam – auch bei eben dieser Lehrerin. Aber das war nur ein Verdacht der Erzählerin, der sich dann Jahre später bestätigt. In der Zwischenzeit wurden Leben gelebt.
Ein gelebtes Leben, das noch zu lebende Leben: In „Greensleeves“ sitzt ein Psychotherapeut bei einer Soiree seiner Nachbarin, mit der er eigentlich nur auf Small-Talk-Basis ist. Doch sie hatte ihn höflicherweise eingeladen, als man sich im Fahrstuhl sah. Und nun sitzt der Mann, dessen Frau vor Kurzem erst ausgezogen ist, neben einer neuen Bekanntschaft, die – man weiß es nicht – eine kostenlose Therapiestunde in Anspruch nehmen oder sich an ihn ranschmeißen will. Leben werden fragil und manchmal stolpert man in die der Anderen, ohne es zu wollen, während man sich den Kopf über die zerbricht, die einem nahestehen.
Während die Protagonisten dieser ersten beiden Erzählungen schon gezeichnet sind, nimmt Sigrid Nunez Lesende bei der dritten, „Fantasie“, zu einem Moment mit, in dem die junge Elsie gezeichnet wird. Die Teenagerin ist ziemlich fehl am Platz auf der Party, die die Eltern schmeißen. Sie hätte Freundinnen einladen können, aber das ist, wie es bei Heranwachsenden manchmal eben ist, schwierig. Nicht hineinpassen, Langeweile, Hormonchaos – schwer zu bestimmen, was es ist, das Elsie letztlich dazu treibt, sich erst zu blamieren und dann nicht nur den Spott, sondern auch den Schaden zu haben.
Wenn es wichtig ist vereint Texte, die ihre Protagonisten an durchaus kritischen Momenten ihres Lebens nehmen. Manche sind mit einem weiteren Fokus erzählt, andere konzentriert in einem Setting. Immer wieder ist eine Vergangenheit, ein Gefühl, das an eine erinnerte Vergangenheit rührt – auch auf unangenehme, eher schmerzliche Weise – präsent.
Eine spätere Geschichte, „Neuanfang“, bringt uns an den Moment, an dem Erinnerungen aufhören, sich die Vergangenheit auflöst und sich das auf jene zurückwirft, die sich noch erinnern und deren Leben das destabilisiert. Die Mutter der Erzählerin ist in der Villa Neuanfang gelandet – ein Euphemismus für ein Pflegeheim. Die Mutter ist eine der jüngeren Demenzkranken im Heim – und die Erzählerin hat weitaus größere Schwierigkeiten, sich mit dieser neuen Situation, der grundauf veränderten Beziehung zur Mutter, klarzukommen, als der Bruder, für den immer „alles gut“ ist, der, wie es scheint, sein Leben auch weitaus weniger gewissenhaft lebte als sie und eine gewisse Laissez-faire-Einstellung einnahm. Euphemismus hin oder her – es ist natürlich ein Neuanfang, nicht nur für die Mutter, sondern eben auch für ihre Kinder.
Das Leben ist nicht ohne Herausforderungen – und eigentlich ist es immer wichtig. Man weiß es im Moment vielleicht nur nicht. Die deutsche Übersetzung des Originaltitels trifft die hier versammelten Texte weniger gut als das Original: It Will Come Back to You.
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Wenn es wichtig ist von Sigrid Nunez ist bei Aufbau erschienen und wurde von Anette Grube übersetzt.
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