Kritik

Auflösungserscheinungen: Die Brüder, die wir waren von Andreas Wunn

Rezension zu Die Brüder, die wir waren von Andreas WunnMax schaut auf zu Julius, dem großen Bruder und Beschützer, der aber auch ziemlich grausam sein kann. Sie wachsen an der Mosel auf und ziehen in den späten Neunzigern nach Berlin. Dort driften sie auseinander – oder: Julius driftet ab. Er hinterfragt die Realität, verliert sich in Verschwörungstheorien, bis es in der Coronapandemie völlig eskaliert. Andreas Wunns Die Brüder, die wir waren ist ein Roman über eine brüchige Gesellschaft und alternative Wahrheiten, illustriert am Beispiel zweier Brüder, die sich nicht mehr erreichen.

Über drei Jahrzehnte hinweg zeichnet Die Brüder, die wir waren die sich teilenden Lebenswege von Max und Julius. Doch neben der Herkunft teilen sie sich noch etwas: Nina. Sie ist die Freundin, die Julius in Berlin kennenlernt und die er heiraten wird. Auch Max ist in sie verliebt und wird bereitwillig zu ihrer Affäre. Julius soll nie davon erfahren, auch wenn er etwas ahnt.

Doch Julius ahnt viele Dinge: Sichtbare Anzeichen zeigen sich, als er 1998 in Berlin den Film Matrix schaut: Kann man dem, was wir allgemein als Realität anerkennen, wirklich trauen? Er ist anfällig für alternative Wahrheiten und verfolgt diese nicht nur mit Neugier, sondern zunehmend mit einer absoluten Überzeugung. Ist der 11. September nicht auch nur eine Verschwörung? Man wechselt das Thema, aber Julius verrennt sich immer weiter, die rasante Entwicklung des Internets wirkt als Brandbeschleuniger. Die Ironie daran ist natürlich, dass er die eigentliche Verschwörung – die Affäre zwischen seiner Frau und seinem jüngeren Bruder – nicht sieht.

In kurzen Kapiteln alterniert Die Brüder, die wir waren zwischen den 80ern, 90ern, den Nullerjahren und der erzählten Gegenwart, 2020. Hier ist Julius inzwischen ein von der Polizei gesuchter Mann. Der Roman zeichnet nicht nur ein Ab- und ein Auseinanderdriften nach, sondern zeigt auch den Nährboden dafür: Der große Bruder ist nicht nur der Beschützer, der den jüngeren Max vor Bullies schützt. Denn dieses Beschützen ist auch ein Akt der Selbstvergewisserung – der eigenen Überlegenheit – nicht nur gegenüber dem Bruder, sondern eben auch gegenüber anderen. Das nimmt schon früh gefährliche Züge an, auch Max muss das am eigenen Leib erfahren. Die Kindheit findet in gutbürgerlichen BRD-Verhältnissen statt. Da gibt es in der Elterngeneration aber auch Verbitterung darüber, dass 1984 Mitterrand und Kohl Hand in Hand in Verdun den Toten des Krieges gedachten.

Andreas Wunn verbindet die Geschichte zwischen den beiden Brüdern immer wieder mit politischen Ereignissen. Er zeigt an: Er will nicht nur eine Geschichte über zwei sich entfremdete Brüder erzählen, sondern eben auch etwas über Deutschland. Teilen sich Julius und diese Nation ein geknicktes Selbstwertgefühl, das es erfordert, immer und mit absoluter Gewissheit recht zu haben?

Der Roman liest sich weniger bedeutungsschwanger, als man es vermuten könnte. Tatsächlich liest er sich schnell. Das liegt auch an seiner Struktur und dem episodischen Charakter – denn drei Jahrzehnte werden in unter 300 Seiten erzählt. Die Kapitel sind kurz, manchmal etwas zu kurz, sodass einzelne Szenen auf Kapitel aufgebrochen werden. Das stärkt Tempo und Dramaturgie. So sind Verzögerung und Zurückhaltung von Informationen das dramaturgische Mittel der Wahl. Das funktioniert im Großen und Ganzen, lässt die Erzählung aber auch gelegentlich stolpern. Wunn hält sich bei aller Kürze des Romans gelegentlich zu sehr mit Beschreibungen auf. Zwar kann die Beschreibung eines Zimmers durchaus etwas über dessen Bewohner verraten, aber den Prozess des Kaffeemachens mit einer Espressokanne muss man nun wirklich nicht über eine komplette Seite beschreiben. Während für solcherlei Details Raum ist, bleibt Nina als Frau zwischen den Brüdern verhältnismäßig blass. Sie ist schließlich gut zwei Jahrzehnte mit Julius zusammen – ihre Motivation dafür bleibt allerdings etwas zu rätselhaft.

Trotz dieser Monita bearbeitet Die Brüder, die wir waren sein Material gut. Wunn – hauptberuflich Moderator beim ZDF – begeht nicht den Fehler, das Gezeigte für Leser zu deuten. Die Dinge kohärieren organisch – der rechthaberische Julius, dessen Abdriften in Verletzungen seines Egos begründet sein kann, die wiederum Echos in der deutschen Geschichte der letzten hundert Jahre finden, die Sprachlosigkeit, die sich in immerwährenden Versuchen, das Thema zu wechseln, Bahn bricht sowie die abstrakten Verschwörungen, die das Interesse von dem absaugen, was das unmittelbare eigene Leben eigentlich betrifft.

Die Brüder, die wir waren ist damit ein aktueller, gut gearbeiteter Text zu Auflösungserscheinungen in der Diskurskultur, der von etwas mehr Verdichtung und einer tieferen Grundierung Ninas profitiert hätte.

Die Brüder, die wir waren von Andreas Wunn ist bei Pfaueninsel erschienen.

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