Kritik

Auf halber Strecke: Alte Pfade von Alexa Hennig von Lange

Rezension zu Alte Pfade von Alexa Hennig von LangeAlte Pfade von Alexa Hennig von Lange ist der erste Roman der Autorin seit ihrer viel beachteten Heimkehr-Trilogie, in der sie die Geschichte ihrer Großmutter während der NS-Zeit nachzeichnete. Familie ist auch wieder das bestimmende Thema im neuen Roman: Liliane reist nach Schottland, wo ihr 89-jähriger Vater einen Herzinfarkt hatte und trotzdem durch die Highlands wandern will.

Die alten Pfade, das sind einerseits die Wege, die der Vater einst als junger Mann ging und nun, am Ende seines Lebens, erneut, ein letztes Mal, beschreiten will. Die alten Pfade sind natürlich auch metaphorisch zu lesen: Denn es werden auch die Wege nachgezeichnet, die die Familie beschreiten musste. Da liegt viel Tragik: Lilianes Mutter beging Selbstmord, als sie und ihre beiden Geschwister noch im Schulalter waren.

Aber Liliane hat auch einige Schwierigkeiten. In jüngerer Vergangenheit verließ sie ihren fürsorglichen Mann, um sich wieder frei zu fühlen, unabhängig zu sein. Nun ist sie ziemlich allein. Der einzige Sohn ist inzwischen in Mexiko und spricht nicht mehr mit ihr. Sie kommt zu Beginn der Erzählung gerade aus einem Urlaub in Spanien, nur um in Hannover, wo sie den Vater besuchen wollte, festzustellen, dass dieser nicht da ist – ohne zu wissen, wo. Sein Verbleib wird alsbald durch einen Anruf aus einem schottischen Krankenhaus aufgeklärt: Er war in den Highlands unterwegs, als er zusammenbrach. Seine Kondition wird als kritisch eingeschätzt – sie solle sich alsbald auf den Weg machen, die Zeit des Vaters läuft aus.

Liliane fährt also mit dem Auto direkt weiter nach Schottland, auf das Schlimmste gefasst. Der Vater, ein störrischer, schroffer Mann, will von allen Bedenken nichts wissen. Trotz seines desolaten Gesundheitszustands macht er sich wieder auf den Weg. Liliane, völlig erschöpft, überfordert und von den Geschwistern im Stich gelassen, entschließt sich kurzerhand, den Vater zu begleiten. Eine Reise ist in der Literatur immer auch eine innere Bewegung. Die Weite der Moorlandschaft, das der Natur Ausgeliefertsein, bringt lange gärende Spannungen zwischen Vater und Tochter hervor sowie die Selbstzweifel, die Liliane ob ihrer eigenen Lebensentscheidungen hegt, an die Oberfläche.

Alexa Hennig von Langes Erzählungen sind oft nah an ihr. Ihre Protagonisten sind meist in ihrem Alter und haben Überschneidungen zur eigenen Biografie. Neben dem Bezug zu Hannover ist Liliane beispielsweise auch Schriftstellerin, die vor vielen Jahren ein aufregendes Debüt schrieb. Anders als die Autorin schreibt Liliane inzwischen aber Liebesschmonzetten. Ihre Texte sind Verhandlungen von Fragen, die die Autorin beschäftigen. Ankerpunkt sind also seltener Handlungen als die Themen, die die Autorin beschäftigen. Das sind im Werk Hennig von Langes in der Regel Fragen zum Zusammenleben von Mann und Frau sowie Familienkonstellationen. Beide Themen bringt Alte Pfade hier zusammen. Schön ist auch, dass der Roman Vater-Tochter-Beziehungen verhandelt, was eher Seltenheitswert hat.

“Bemerkte er nicht, dass sich die Verhältnisse längst umgekehrt hatten? Dass sie jetzt die Stärkere war? Konnte er nicht ein einziges Mal von seinen Grundsätzen abweichen? Fraglos war genau das seine einzige Angst: zu verschwinden, sobald er von seinen Prinzipien abließ” (S. 105).

Eine große Stärke der Autorin ist die Ich-Perspektive. Der Gedankenrausch der beiden Erzähler in ihrem noch heute aufregenden Debüt Relax spiegelte den Rausch der Rave-90er und der jungen Liebe auf magnetische Weise. Dass sie Alte Pfade aus dritter Person erzählt, ist daher etwas schade. Dieser Text ist stark reflexiv und hat den Drang, zu viel zu erklären: In der starken Fokalisierung über Liliane haben Lesende immer wieder teil an den Fragen, die sie sich stellt und die die Autorin wie Kaskaden aneinanderreiht, nur um sie dann auch einzuordnen und zu deuten, anstatt Lesenden diese Aufgabe zu überlassen und dem Text so auch mehr Tempo zu geben. Das Erleben der Natur der Highlands, die Gedankenstrudel, die sich aufgrund langer Wanderungen einstellen können, hätte so eine bessere Form finden können als die etwas weniger unmittelbare Erzählsituation, die für Alte Pfade gewählt wurde. Das Material ist interessant: Alte Traumata, die Ohnmacht gegenüber fremden Entscheidungen und das Hadern mit den eigenen sind existenzielle Erfahrungen, ebenso wie ein kommender Abschied vom letzten noch lebenden Elternteil. So intensiv, wie diese Erfahrungen sein können, liest sich Alte Pfade allerdings nicht immer. Nicht jede Passage hier ist zwingend – und das ist schade, denn die Anlagen sind gut. Solide.

Alte Pfade von Alexa Hennig von Lange ist bei DuMont erschienen.

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