Vom Gewusel ganz müde: Venedig ist wie man es erwartet – und ein bisschen mehr

Venedig VaporettoAls ich wenige Tage vor meiner ersten Reise nach Venedig mit einer Freundin nach einem Museumsbesuch auf dem Dresdner Neumarkt ein Eis unter der Frühlingssonne genoss, war sie gespannt, welche Eindrücke ich von der Stadt zurückbringen würde: Leben dort noch Leute oder ist es wie der Neumarkt, nur eine Dimension größer, mehr eine gigantische Freiluft-Touristenattraktion als lebendige Stadt?

Keine Frage: Venedig hält jenes Versprechen, das Menschen aus aller Welt zumindest für ein paar Stunden anzieht. Eine pittoreskere Stadt kann man sich kaum vorstellen; und nicht jedes Fotomotiv wird von einem Touristenschwarm durchkreuzt. Ab dem Moment, an dem der Bus Mestre hinter sich lässt und auf die Ponte della Libertà fährt, also die auf die Hauptinsel Venedigs führende Brücke, möchte man den Fotoapparat beziehungsweise das Smartphone gar nicht mehr wegstecken.

Wird man auf dem Busbahnhof in die leicht salzige, mild fischige Lagunenluft entlassen, sieht man sich das erste Mal mit einer der Situationen konfrontiert, die man als absolut typisch für diese Stadt bezeichnen kann: Ein reges Treiben von Menschen aus aller Welt ergreift einen. Das Geräusch von über den Beton rollenden Koffern ist hier genauso omnipräsent wie das Gurren der Tauben, Kreischen der Möwen und – natürlich – den röhrenden Dieselmotoren der Vaporetti, den Wasserbussen.

Venedig erfüllt viele Erwartungen, die man als Besucher an die Stadt hat. Es hat zuweilen etwas von einem Vergnügungspark: Eine liebevoll gestaltete Kulisse, deren Schönheit von aneinandergereihten Souvenirshops immer wieder gebrochen wird und mit „Fahrgeschäften“ – den Gondeln und Vaporetti -, vor denen sich zu Stoßzeiten Menschentrauben bilden. Und wie man das von Vergnügungsparks so kennt, können die Preise durchaus happig ausfallen. Vor allem wenn man ins Innere dieser schönen Kulisse schauen oder sie von einer Gondel aus betrachten will. Die Hauptattraktion ist zweifelsfrei der Canal Grande, jener Wasserstraße und Hauptschlagader, die sich ab Hauptbahnhof mitten durch die historische Altstadt unter der Rialto-Brücke hindurch bis zum Markusplatz schlängelt.

Rialtobrücke Venedig
Am besten bestaunt man die die Rialto-Brücke vom Canal Grande aus.

Für dieses Erlebnis braucht es glücklicherweise keine teure Gondelfahrt. Es gibt wohl kein romantischeres öffentliches Verkehrsmittel als das Vaporetto, auch wenn es zuweilen arg überfüllt sein kann. Die Linien 1 und 2 schaukeln ihre Passagiere gemächlich durch den Canal Grande. Wer Glück hat und an der richtigen Haltestelle eingestiegen ist, kann hier nicht nur die Jahrhunderte alten Palazzos, von denen einige leider leer stehen und in schlechtem Zustand sind, sowie die Brücken Rialto und L’Accademia (zurzeit im Bau) vom Freiluft-Deck aus bestaunen. Auch das Leben in seiner nacktesten Gestalt zeigt sich: Eine Möwe ertränkt eine Taube, deren von Angst gelähmter Blick mich noch heute verfolgt. In unmittelbarer Nähe zu diesem Ende beginnt etwas neues: Eine Frau bricht auf einer Gondel in Tränen aus, weil sie gerade einen Heiratsantrag bekommt. Auf dem Markusplatz ist ein Pärchen schon einen Schritt weiter und lässt sich inmitten des Getummels von zwei Hochzeitsfotografen ablichten.

Markusplatz Venedig
Einer der belebtesten Orte Venedigs: Der Markusplatz.

Am frühen Nachmittag kann einem Venedig etwas zu viel werden. Die Riva degli Schiavoni mit ihrem atemberaubenden Panorama der Mündung des Canal Grande sowie den Inseln Giudecca und San Giogio Maggiore führt am Dogenpalast samt Seufzerbrücke am Ufer entlang zum Markusplatz. Man kann das Märchenhafte dieser Stadt, das auch Thomas Mann beschrieb, hier nur schwer in sich aufsaugen, weil der Touristenstrom zu dieser Tageszeit jede Träumerei zerstört. Da es sich dabei größtenteils um von riesigen Kreuzfahrschiffen in die Stadt gespuckte Tagestouristen handelt, verflüchtigt sich das enervierende Gewusel zum späten Nachmittag. Dann kann man auch den prachtvollen Dogenpalast, dem einstigen Machtzentrum der einstigen Republik Venedig, ohne längere Wartezeit besuchen – sofern man zwanzig Euro dafür ausgeben möchte. Es ist lohnenswert: Wände und Decken der opulenten Räumlichkeiten sind mit fantastischen Gemälden, Marmor und Gold verziert. Der Eintritt beinhaltet ein echtes Kontrastprogramm: Vom Prunk des Palastes gelangt man über die Seufzerbrücke ins Innere des benachbarten Gefängnisses (Palazzo delle Prigioni).

Venedig, die schmeichlerische und verdächtige Schöne, – diese Stadt, halb Märchen, halb Fremdenfalle, in deren fauliger Luft die Kunst einst schwelgerisch aufwucherte und welche den Musikern Klänge eingab, die wiegen und buhlerisch einlullen. Dem Abenteuerernden war es, als tränke sein Auge dergleichen Üppigkeit (Thomas Mann, Der Tod in Venedig).

Dogenpalast und Markusplatz
Dogenpalast und Markusplatz

Das Gewusel um die bekanntesten Sehenswürdigkeiten Venedigs kann man schnell hinter sich lassen. Ein paar enge Gässchen weiter lässt es sich ganz entspannt schlendern. Es sind die ruhigen Ecken, mit denen Venedig seine Gäste zu verzaubern vermag. Und dort findet man auch Anzeichen dafür, dass in diesem riesigen historischen Freizeitpark tatsächlich noch Menschen wohnen. Die berüchtigste faulige Luft, die Thomas Mann in Der Tod in Venedig beschrieb, steigt einem beim ausgedehnten Spaziergang zumindest im Frühjahr kaum in die Nase. Vielmehr bestimmt der Geruch frischer Wäsche, der in den ruhigeren Gegenden von den zwischen den Häusern aufgespannten Leinen durch die schmalen Gassen weht, die Duftnote der Stadt (freilich riecht es an manchen Ecken auch etwas fischig und nach den Abgasen der Vaporetti).

Kreuzfahrtschiff Venedig
Zwischen der Hauptinsel und Guidecca fahren am Nachmittag die Stadt überragende Kreuzfahrtschiffe die Tagestouristen aus Venedig und Ruhe kehrt ein.
Venedig
Abseits des Canal Grande bietet Venedig viele verträumte Ecken wie San Pietro di Castelli und die Wohnviertel oberhalb des Giardini della Biennale.

Die eigentliche Attraktion ist die Lagune mit ihrem herrlich türkisfarbenen Wasser. Es lohnt sich, die weiteren Inseln mit dem Vaporetto zu erkunden. Das Lido trennt die Lagune vom offenen Meer. Hier entwickelte sich um 1900 ein eher mondäner Badetourismus, der 1911 auch Thomas Mann hierher zog. Im aktuell geschlossenen, imposant über der Adria thronenden Grand Hotel de Bains fand er die Inspiration für Der Tod in Venedig. Das Lido ist im Frühjahr recht verschlafen, hat einen kilometerlangen Sandstrand und bezaubernde kleine Ecken, die sicher auch zur Sommerzeit Erholung versprechen. Besonders Muschelsammlern ist ein Besuch zu empfehlen. Wie Kieselsteine säumen sie in unterschiedlichen Stufen der Sandwerdung den Strand.

Auch eine Vaporettofahrt nach Burano ist nur wärmstens zu empfehlen. Die Häuser der kleinen Insel sind bunt angemalt. Wie in Venedig gibt es auch hier keine Autos (und kaum Fahrräder). Im Viertelstundentakt spucken die Linien 12 und 14 Touristen in die farbenfrohen Gassen. Meistens verweilen sie in den etwas breiteren Straßen entlang der die Insel durchziehenden Kanäle, die von Restaurants und Souvenirshops gesäumt sind. Wie auch in Venedig gilt: Ein schmales Gässchen weiter wirkt alles verschlafen pittoresk. Wohin man auch schaut erblickt man ein Fotomotiv.
Über eine Brücke erreicht man von Burano die Insel Mazzorbo. Diese Insel hat einen beinah ländlichen Charme. Von Burano aus gelangt man in den Garten des Sterne-Restaurants Venissa, wo man einiges über das “Native Venice” erfahren kann, für das beide Inseln wohl stehen. Wenn am Abend das letzte Vaporetto die Touristen wieder mitnimmt, wird hier wohl eine idyllische Ruhe einkehren.

Burano Venedig
Die Insel Burano ist aufgrund ihrer bunten Häuser bei Touristen beliebt. Vom Markusplatz aus fährt man mit der Linie 14 etwa 45 Minuten.

Ohnehin der Abend: So lebendig die Stadt tagsüber vor allem um den Markusplatz herum ist, so verschlafen wirkt sie des nachts. Zumindest erblickte das Auge beim Schlendern durch die Stadt kaum Bars oder gar Clubs, die ein aufregendes Nachtleben versprechen würden. Auch bei einer Suche via Google Maps zeigt sich Venedig nicht in Feierlaune. Und das führt uns zurück zu der Frage, ob in dieser wunderschönen Stadt auch Menschen leben: Ja, es gibt sie, die bewohnten, von Wäscheleinen überspannten Gegenden. Aber scheinbar nicht genug, dass sie ein aufregendes Nachtleben tragen würden. Eine Google-Recherche zeigt: Täglich besuchen 60.000 Menschen die Hauptinsel – genauso viele Bewohner sind ihr noch geblieben (Tendenz fallend). Hoffen wir, dass weder der steigende Meeresspiegel noch die steten Touristenströme die letzten Bewohner aus ihrer bezaubernden Stadt spülen.

Ein paar Tipps für einen Kurzurlaub in Venedig

  • Inselrundfahrt: Eine Fahrradfahrt über das zirka 12 Kilometer lange Lido ist sehr empfehlenswert. Abseits vom Trubel der Stadt weht einem frische Meeresluft ins Gesicht. Entdecken lassen sich die altehrwürdigen Luxushotels, alte Kirchen, ein traumhafter Sandstrand und natürlich ein fantastischer Ausblick auf die Lagune. Vier Stunden sind dafür ausreichend und kosten 8 Euro.
  • Venedig von oben: Der Aufstieg auf den Turm der Insel San Giogio Maggiore kostet 6 Euro. Da die meisten Touristen auf der Hauptinsel bleiben, muss man hier nicht anstehen.
  • Vaporetto: Eine Einzelfahrt kostet 7,50 Euro. Wer mehr als einen Tag bleibt, sollte ein 48 bzw. 72 Stunden Ticket nehmen. Letzteres kostet 40 Euro. Dafür bekommt man andernorts zwar beinah ein Monatsticket für den Nahverkehr, aber es ist das Geld wert – besonders wenn man auch Inseln wie Burano erkunden möchte.

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