Die Schweizer haben einen besonderen Zugriff auf die deutsche Sprache. Vielleicht ist es der Kontrast zwischen gesprochenem Alltag und hochdeutschem Schreiben, der Schweizer Autoren eine Klarheit und Präzision schenkt. Die Auster von Yael Inokai ist das beste Beispiel. Der Roman ist eine Kriminalgeschichte, aber wie so häufig im Genre auch eine Milieustudie. Die Genrekonventionen des Krimis spielen hier aber keine große Rolle, der Mordfall bietet dem Text nur die Koordinaten, in denen sich eine feinsinnige Charakterstudie entfaltet.
Leonora ist 74 Jahre alt, lebt in Berlin und arbeitet fast ihr ganzes Leben als Putzfrau. Dass sie immer noch putzt, sagt genauso viel über ein sozial erkaltetes Deutschland wie über Leonora selbst: Würde sie aufhören zu arbeiten, wenn sie es sich leisten könnte?
„Verlustängste haben, einen Mantel aus Kaschmir besitzen, von einer Fußbodenheizung getröstet werden“ (S. 8).
Zu Beginn begegnen wir Leonora in unmittelbarer Nähe eines Mordfalls: Der Geschäftsführer eines bekannten Kaufhauses in Berlin wurde umgebracht. Sie putzt dort zweimal wöchentlich. Auch an dem Tag, an dem sie ihn findet. Etwas ist komisch – da liegt eine Leiche in einer Blutlache, dort, wo die Fußbodenheizung so tröstend warm ist, und sie putzt erstmal alle Spuren weg. Den Kommissaren kann das nicht gefallen – vielleicht haben sie sie auch als Verdächtige im Auge?
„Die Mutter platzte in ihre Gedanken und wie sie gepredigt hatte, ja nie zu altern, man werde ein Spukschloss, lauter unfertige Sachen in einem, lauter Reue und verlorene Menschen, und zerfallen tue man auch. Dabei war sie nicht einmal siebzig geworden“ (S. 77).
Leonora ist geschockt: Der Tatort einerseits, dann die Frage: Wo wird sie nun noch arbeiten können – in dem Alter? Begleitet von Erinnerungen an die verstorbene Mutter und den früh verstorbenen Sohn stellt Leonora eigene Vermutungen an. Dabei kreuzen sich die Wege von wohlhabenden Töchtern, schnoddrigen Kommissaren und nachlässigen Kaufhausdetektiven.
Die Lösung des Kriminalfalls ist der Faden, an dem die Erzählung entlangläuft, aber nicht die treibende Kraft, die Lesende durch den Text führt. Behutsam, in kurzen, präzisen Sätzen, die in besonders glanzvollen Momenten eine aphoristische Qualität haben, führt uns Yael Inokai durch ein winterliches Berlin, in dem Bindungen so porös erscheinen wie der soziale Kitt – zwischen luxuriösen Kaschmirmänteln und Mandelhörnchen beim Bäcker um die Ecke, zwischen minimalistischen Wohnträumen und Träumen vom Weg raus aus dem Dienstleistungsgeschäft.
Die Erzählinstanz bleibt nah an Leonora, aber in gewissem Abstand. Hin und wieder tauchen wir in ihre Erinnerungen ein, bekommen Hinweise auf den Mordfall, aber eher über die kurzen, berlinerisch schroffen Dialoge, die sie mit Ermittlern und Bekannten aus dem Kaufhaus führt. Für sie sind die Erinnerungen an die Toten ihrer eigenen Geschichte mindestens so raumgreifend wie das verfrühte Ableben des spröden Chefs. Damit hält die Autorin Lesende auch auf Trab – die bruchstückhaften Indizien schicken auf falsche Fährten, nur um letztlich bei einer bitteren Pointe über Aufstiegsambitionen zu landen.
Absolute Empfehlung.
Die Auster von Yael Inokai ist bei Hanser Berlin erschienen.
Dieser Blog ist frei von Werbung und Trackern. Wenn dir das und der Inhalt gefallen, kannst du mir hier gern einen Kaffee spendieren: Kaffee ausgeben.
