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Die Moderne und das barocke Dresden: Zukunftsräume im Albertinum

Zukunftsräume wassily kandinsky schweres rotDie Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben zurzeit einen Lauf: Nach den überaus gelungenen Sonderschauen Ostdeutsche Malerei und Skulptur sowie Medea muckt auf ist mit Zukunftsräume: Kandinsky, Mondrian, Lissitzky und die abstrakt-konstruktive Avantgarde in Dresden 1919 bis 1932 wieder ein absoluter Volltreffer im Albertinum zu sehen.

Was mich an den drei genannten Ausstellungen so begeistert ist, dass sie mir nicht nur etwas über Kunst erzählen. Diese Ausstellungen kommunizieren auch über die Leinwand und den Ausstellungsraum hinaus. Ostdeutsche Malerei und Skulptur machte die Vielfalt künstlerischen Schaffens in der ehemaligen DDR sichtbar, nachdem es beinah drei Jahrzehnte in den Depots einen Dornröschenschlaf schlummerte. Sie machte gleichzeitig Kanonisierungsprozesse deutlich und erzählte etwas über das schleichende Zerbrechen des Sozialismus auf deutschem Boden. Ähnlich rückte Medea muckt auf die rebellische Seite von Frauen hinter dem Eisernen Vorhang in den Fokus.

Zukunftsräume zeigt, dass der Puls der Zeit im heute konservativ gekleideten, sich über das Barock inszenierenden Dresden deutlich zu spüren war. Die Avantgarde ging in der 1920er Jahren hier scheinbar ein und aus. Die Ausstellung präsentiert Arbeiten von Künstlern, die u.a. mit dem Bauhaus verbunden und regelmäßig in Dresdner Galerien zu sehen waren. Diese heute in aller Welt verstreuten Werke einflussreicher Avantgardisten bringt die Sammlung zurück und wirft nicht nur auf das Projekt der Moderne ein spannendes Licht, sondern eben auch auf eine lebendige Kunstszene in Dresden vor dem Krieg. Sie macht dabei auch Dinge wieder sichtbar, die mit dem Krieg aus der Stadt verschwunden sind. Die Ausstellung macht seine Besucher so nicht nur mit der Kunst der Moderne bekannt, sondern auch mit dem Stadtbild der Vorkriegszeit. Dass dort, wo heute die Gläserne Manufaktur zu finden ist, einst ein Städtischer Ausstellungspalast mit dem originalen Kugelhaus stand, war mir beispielsweise bisher nicht bewusst.

1926 war in diesem Städtischen Ausstellungspalast nicht nur seinerzeit wegweisende Kunst zu sehen, auch die Art der Präsentation muss für Aufsehen gesorgt haben. In Nachbildung zeigt die Ausstellung El Lissizkys Raum für konstruktive Kunst, der Gemälde von Paul Klee, El Lissizky und Piet Mondrian auf neue Weise präsentierte. Nicht nur der Stil der Kunst dürfte für einen aufregenden Bruch mit in Schmuckrahmen gekleideter, gegenständlicher Kunst gesorgt haben. Der Raum als solcher war bereits eine Attraktion: Er war mit verschiebbaren Elementen versehen, durch die einzelne Werke verdeckt werden konnten, um die Konzentration der Betrachter auf einzelne Stücke zu lenken. Der ganze Kontext der Hängung wurde verändert: Keine weiße Wand bildete den Hintergrund, sondern Lamellen, die auf der einen Seite schwarz, der anderen weiß und in der Front grau gestrichen waren. Je nach Betrachtungswinkel veränderte sich also der Hintergrund und somit auch die Wirkung der Kunst (diese Wechselspiel binden die SKD interaktiv am Ende der Ausstellung ein: über Bewegungen kann die Hintergrund eines Gemäldes verändern – eine schöne Spielerei). Man kann sich heute kaum vorstellen, wie aufregend dieser Bruch mit tradierten Ausstellungsformen gewesen sein muss.

el lissitzky Zukunftsräume
El Lissizkys Raum für konstruktive Kunst

Das Bauhaus gilt als ein Inkubator der Moderne. Die Institution verfolgte einen ganzheitlichen Ansatz, der Kunst, Musik und Architektur gleichermaßen erfasste. Das neue, von geometrischen Formen geprägte Design hielt Einzug in die Lebenswelt der Menschen. Zukunftsräume macht dies am Beispiel von ausgestelltem Mobiliar sowie von Fotografien aus dem Wohnhaus der Sammlerin Ida Bienert deutlich.

Zukunftsräume albertinum
Zukunftsräume versammelt Werke im Albertinum, die bereits in den 1920er Jahren in der Stadt zu sehen waren. Geometrische Formen dominieren die Darstellungsformen.

Der Fokus liegt in der Ausstellung natürlich auf den Gemälden und Grafiken der Künstler. Ähnlich ihrer Präsentation im Raum für konstruktive Kunst sorgte diese sicherlich auch für offene Augen und Kontroversen. Abstraktion, meist in geometrische Formen gehalten, dominiert. Beschränkte sich Kunst vormals mit der Repräsentation der Welt, wird diese in Dreiecken und Quadraten aufgelöst. Man kann sich die kontroversen Diskussionen, die diese Werke ausgelöst haben, lebhaft vorstellen: Ist das noch Kunst oder sind das kunstgewerbliche Designelemente einer modernen Lebensumgebung?

Trotz der Reduktion auf geometrische Formen, die eine Entindividualisierung der Kunst nahelegt, sprechen die ausgestellten Künstler mit ihrer jeweils eigenen Sprache: Mich persönlich verzauberte dabei die teils verspielte, farbenfrohe Arbeit von Wassily Kandinsky (siehe Beitragsbild), die sich sehr schön von Mondrians Kompositionen flächig aufgetragener Farben absetzen und eine verspielte Dynamik zeigen. Oskar Schlemmer entfernte sich hingegen nicht gänzlich vom Gegenständlichen, übertrug diesen auf Formen reduzierten Ansatz auf die Darstellung des menschlichen Gesichts, die in der Ostmoderne später allgegenwärtig wurde. Die Entdeckung der Ausstellung ist für mich Lyonel Feininger, in dessen gezeigten Gemälden die Welt wie durch ein Prisma abstrahiert wiedergegeben wird.

Zukunftsräume lyonel feiniger torturm I
Lyonel Feiniger: Torturm I

Zukunftsräume Kandinsky, Mondrian, Lissitzky und die abstrakt-konstruktive Avantgarde in Dresden 1919 bis 1932 bietet einen aufregenden Blick in ein Dresden, das heute manchmal nur schwer zu erahnen ist. Die Ausstellung zeigt nicht nur die sehenswerte Kunst der Moderne, sondern erzählt auch von einem aufregenden Nebeneinander der Avandgarde und dem brocken Erbe Dresdens während der 1920er Jahre. Die Ausstellung leistet damit auch einen schönen Beitrag zu aktuellen Debatten um das Stadtbild, in dem die Zeichen der Ostmoderne zu verschwinden drohen und sich der Blick auf das Barock der Altstadt und einen eher freudlos wirkenden Wohnungsbau verengt (siehe dazu u.a. die Diskussion um die Robotron Kantine). Sehr schön ist im Übrigen auch die Präsentation der Ausstellung, die ein Stück der zukunftsweisenden Avantgarde der 1920er für sich beansprucht. Mithilfe einer Virtual Reality Brille können Besucher selbst in die Zukunft von gestern betreten. Top!

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Zukunftsräume Kandinsky, Mondrian, Lissitzky und die abstrakt-konstruktive Avantgarde in Dresden 1919 bis 1932 ist bis zum 02.06.2019 im Albertinum zu sehen.