Die vibrierende Seele der Welt: Anima Mundi von Vril

Anima Mundi VrilAnima mundi ist lateinisch und bedeutet “Weltseele”. Dahinter verbirgt sich ein naturphilosophisches Konzept, nach dem der Mensch analog dem Universum in seiner Gesamtheit strukturiert ist. Das Kleine spiegelt sich im Großen, die Natur erscheint als ein Organismus, ergriffen von einer “alles bewegenden Seele”. Und diese bringt der Hannoveraner Produzent und DJ Vril in seinem vierten Album (eins davon unter dem Pseudonym Zum Goldenen Schwarm) wabernd zum Klingen.

Der Mensch als Teil eines kosmischen Geflechts, übersetzt in Dub Techno: Die Musik auf Anima Mundi hört und spürt man, sie ist von einem tiefen Brummen erfasst, überall surrt und summt es. Verbindungsstiftend kann sie entsprechend bei gegebener Lautstärke auf das Verhältnis zum Nachbarn wirken. Tatsächlich ist Anima Mundi aber ein eher kontemplatives Hörerlebnis, das nur in wenigen Momenten zaghaft zur Tanzfläche weist. “Manium” eröffnet die LP ohne Beat. Wie abgefangen aus einer fernen Galaxie funkeln in sphärische Pads gekleidete Synthies aus den Lautsprechern. Ein kosmisches Hintergrundrauschen erfüllt auch das folgende “Statera Rerum”, in dem über eine pulsgebende Bassdrum schwelende Synthies durch Glitscheffekte wie Interferenzen durchschnitten werden.

Der Titeltrack ist mit seinem brummendem Subbass eine körperliche Erfahrung, durch die eine lange nachvibrierende Bassdrum stampft, umspült von stark verfremdeten Klängen schwer zu benennenden Ursprungs. Wie schon auf seinen vorherigen Werken schöpft Vril auch auf Anima Mundi aus einer idiosynkratischen Soundpalette, die seine Produktionen unverkennbar macht. Seine Produktionen klingen kühl, ohne kalt zu sein, mechanisch und doch beseelt. Oft treffen ausgewaschene, in weißes Rauschen gehüllte Synthies auf wie aus Granit gemeißelte Basslinien, als müsste es so sein. Es ist eine kühne Ästhetik zwischen High Definition und pixliger Grobkörnigkeit, als würde man eine alte Videokassette von Blade Runner auf einem 4k Bildschirm schauen.

Es ist daher auch passend, dass Anima Mundi bereits 2017 als Kassette erschien, auf der die 13 Tracks als zusammenhängender Mix zu hören waren. Etwas kurios ist hingegen, dass drei Tracks daraus bereits als EP bei dem Weimarer Label Giegling veröffentlicht wurden, während die LP nun bei Delsin erschienen ist. Allerdings werden diese Stücke als “reworks” präsentiert. Es sind weniger andere Versionen als Anpassungen an den Gesamtkontext des Albums. “Haus” – tatsächlich der Track, der in Vrils Diskographie dem Genre House am nächsten kommt -, wirkte auf der EP minimalistischer, klarer. Auf Anima Mundi wird die helle, den Song dominierende Synth-Melodie mit einem Glitsch-Effekt bearbeitet, sie flackert jetzt wie eine Kerze im Wind. Ergänzt wird das neu aufgearbeitete “Haus” mit dezenten, klackernden Geräuschen, so dass es in dieser Inkarnation weniger aufgeräumt wirkt, aber besser zur Klanglandschaft des Albums passt.

Anima Mundi von VrilAnima Mundi ist ohnehin ein sehr homogenes Hörerlebnis, das von seiner ganz eigenen Atmosphäre lebt. Es gibt kaum Tracks, die Hervorstechen und nur wenige Hooks, die sie sich schon beim ersten Durchlauf ins Gedächtnis brennen. Neben “Haus” bildet hier in erster Linie “Sine Fine” eine Ausnahme. Der nur aus wenigen Elementen bestehende Track erhöht im Vergleich zu den eher im gemächlichen Bereich angesiedelten Titel die Schlagzahl etwas und funktioniert im richtigen Setting sicherlich auch im Club. Im Grunde genommen besteht der Track aus einem perfekten kleinen Loop mit einer vollmundig groovenden Bassdrum und einer infektiösen Melodie, der mit fortschreitender Spielzeit ein paar warm surrende Pads beigemischt werden. Im Aufbau bleibt auch “Sine Fine” betont unaufgeregt. Es wird keinen großen Momenten hinterhergejagt: Anima Mundi ist eher als ein Hineinhören gedacht  – in sich und die Welt.

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Anima Mundi ist als 3LP Vinyl und digitaler Download bei Delsin erschienen (Vinyl Repress ist für November angekündigt).

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