Uroš Prahs Erdfall (2023, Luftschacht, dt. Daniela Kocmut und Uroš Prah) ist ein Lyrikband, der Gedichte aus drei slowenischen Originalbänden versammelt. Prah, 1988 in Maribor geboren, schreibt unverblümt queer – über Cruising, Einsamkeit, Liebe und den Schaffensprozess. Die Texte wechseln zwischen chaotisch-vulgärer Verdichtung und entwaffnender Kargheit: viel Weißraum, einzelne Sätze, narrative Sogwirkung trotz scheinbar assoziativer Fügung. Kein akademischer Lyrikband, sondern ein Textrausch mit Methode. Rezension: schmiertiger.
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Putzig: Als ich Don Renzo schrieb von Günther Pfeifer
Günther Pfeifers Als ich Don Renzo schrieb (2026, Kremayr & Scheriau) ist ein episodischer autobiografischer Text, der aus der Perspektive eines vier- bis fünfjährigen Jungen vom ländlichen Österreich der 1970er erzählt – und von der Sehnsucht nach Italien, die jeden Abschnitt beschließt. Tonal gelingt Pfeifer die kindliche Perspektive trotz erwachsenem Vokabular überzeugend. Gattungspoetisch ist die Bezeichnung „Roman" auf dem Buchdeckel irreführend: Die thematisch locker organisierten Kurzkapitel funktionieren eher als Kolumnensammlung denn als zusammenhängende Erzählung. Das dramaturgische Momentum fehlt – ebenso wie die Auseinandersetzung mit dem dunkleren Familiensubstrat, das im Text aufscheint: eine abwesende Mutter, eine Nervenheilanstalt. Sympathisch, aber kein Roman. Rezension: schmiertiger.
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Ausnahmezustand? Ganz normal! Die Elefanten von Sasha Filipenko
Sasha Filipenkos Die Elefanten (2026, Diogenes, dt. Ruth Altenhofer) ist eine satirische Parabel über die Normalisierung des Ausnahmezustands. In einer unbenannten Hauptstadt – denkbar als Moskau, aber geografisch bewusst entortet – erscheinen plötzlich Elefanten in Wohnungen und auf Straßen. Die Bevölkerung arrangiert sich, der Staat gibt Anweisungen. Nur der Stand-up-Comedian Pawel lehnt sich auf und wird zur Zielscheibe. Der Roman ist ein Metatext: Der Schriftsteller Alexander, Figur und impliziter Autor zugleich, kommentiert die Handlung über Foristen-Avatare und eingestreute Ministerialanweisungen – ein Verfahren, das die Erzählung bereichert, aber auch bremst. Filipenko schreibt gegen kollektives Wegschauen an – vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine, dem Klimawandel, jeder unbequemen Wahrheit. Rezension: schmiertiger.
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Keine Lust auf Sushi: Eddi von Andreas Martin Widmann
Andreas Martin Widmanns Eddi (2026, Weissbooks) ist ein Coming-of-Age-Roman über die 15-jährige Eddi, die an einem Sportinternat nahe Neubrandenburg lebt und nach Japan ziehen soll, nachdem der Mutter Machtmissbrauch vorgeworfen wurde. Allein gelassen und ausgesperrt, ohne Smartphone, durchlebt sie eine Odyssee durch die brandenburgische Provinz – eine Probe der Selbstbehauptung, aus der sie mit neuer Frisur und einem Einblick in die Widersprüchlichkeiten der Erwachsenenwelt herausgeht. Kurz, unterhaltsam, lakonisch. Kein großer Wurf, aber eine sympathische Figur auf dem Weg zu sich selbst. Rezension: schmiertiger.
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In die Magengrube: Brawler von Lauren Groff
Lauren Groffs Brawler (2026, Riverhead Books) ist eine Kurzgeschichtensammlung mit neun Erzählungen, die weibliche Protagonistinnen in Extremsituationen zeigen – Flucht aus häuslicher Gewalt, Tsunami, sterbende Mutter, familiärer Zerfall. Das verbindende Motiv: abwesende oder überforderte Mütter, deren Kinder sich selbst ermächtigen müssen. Die Titelstory folgt einer Teenagerin, die körperliche Auseinandersetzungen nicht scheut und eine sterbende Mutter pflegt. „What's the Time, Mr. Wolf?" erzählt mit rund 100 Seiten mehrere Jahrzehnte einer Südstaaten-Bankiers-Familie und funktioniert eher als Kurzroman. Geographisch diffuser als der Vorgängerband Florida, thematisch fokussierter. Rezension: schmiertiger.
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Beton in der Brust: Uppercut von Maja Iskra
Maja Iskras Uppercut (2026, Zsolnay, dt. Mascha Dabić und Maja Iskra) ist ein autofiktionales Debüt über eine namenlose Ich-Erzählerin, die im Wien der Gegenwart eine schwebende Liebelei mit Faris navigiert, während Erinnerungen an eine Kindheit im Belgrad der frühen 1990er Jahre die Gegenwart überlagern. Der Krieg ist Hintergrundrauschen – die Brutalität des Alltags, in Schule, Familie und Straße, ist es nicht. Sprunghaft, schroff, telegrafisch reduziert: Iskra macht Verhärtung als Überlebensstrategie zum erzählerischen Prinzip. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Rezension: schmiertiger.
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Fehlgeschlagene Verbindungen: Foto auf Anfrage von Simon Chevrier
Simon Chevriers Foto auf Anfrage (2025, Albino Verlag, dt. Christian Ruzicska) ist ein autofiktionales Debüt, ausgezeichnet mit dem Goncourt du Premier Roman 2025. Ein namenloser Ich-Erzähler driftet 2020 durch Toulouse: Grindr, Escort, abgebrochenes Studium, Tod des Vaters. Peter Hujars Fotografie „Daniel Schook Sucking Toe" wird zur Obsession und zum Tor in die queere New Yorker Bohème der 1980er, die eine andere Pandemie ausgelöscht hat. Kein Coming-out-Roman, kein AIDS-Text – sondern queere Genealogie, faktual erzählt, ohne Pathos. Schnörkellos, ohne kühl zu sein. Rezension: schmiertiger.
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Wilde Wege – Sie wollen uns erzählen von Birgit Birnbacher
Birgit Birnbachers Roman Sie wollen uns erzählen (2026, Zsolnay) macht Neurodivergenz nicht nur zum Thema, sondern zum erzählerischen Prinzip: Die Erzählung nimmt Umwege, verschiebt Spannung, springt. Das spiegelt die Innenwelt der Figuren – Oz mit ADHS, seine neurodivergente Mutter Ann – formal wider. Die Stärke des Romans liegt in dieser Konsequenz. Die Schwäche ebenfalls: Nebenhandlungen werden aufgebaut und nicht eingelöst, das Erzähltempo kann holprig wirken. Im Werkvergleich bleibt Wovon wir leben der stärkere Roman. Rezension: schmiertiger.
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Gott der Ziegen: Eradication von Jonathan Miles
Ein trauernder Mann und eine einsame Insel voller Ziegen: Rezension zu Eradication von Jonathan Miles.
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Oder lieber Instantnudeln? Richtig gutes Essen von Junko Takase
Junko Takases Richtig gutes Essen ist weniger Plot als präzise Beobachtung: ein stilles Sittengemälde, in dem Essen zum sozialen Code wird – mal verbindend, mal ausgrenzend. Zwischen Konbini-Mahlzeiten, Büroalltag und einem unscheinbaren Beziehungsdreieck zeigt der Roman, wie sehr sich Nähe, Status und Lebensentwürfe in scheinbar banalen Routinen ausdrücken.