Ingemar – das klingt nach älterem Herrn. Und eine gewisse Altersweisheit lässt sich im Ton des Erzählers von Hochgatterers Roman Mio und die Unsterblichkeit auch erkennen. Doch Ingemar ist erst 16 und er wurde benannt nach einem schwedischen Skirennfahrer. Letztlich eine unglückliche Namenswahl, denn sportlich ist der Junge nicht. Im Gegenteil. Er ist SMA-Patient und somit auf Hilfe angewiesen. So unbeweglich sein Körper wird, so dynamisch ist jedoch sein Geist.
Mio und die Unsterblichkeit könnte ein rührseliger Text voller Betroffenheit sein. Aber als Kinderpsychiater hat Hochgatterer die Expertise und als Autor das Gespür, seinen Protagonisten ernst zu nehmen. Mio und die Unsterblichkeit lässt sich ob des Alters seines Erzählers als Coming-of-Age-Roman einordnen, verfolgt aber nicht die für das Genre typische dreiteilige Struktur aus Auszug, Erfahrung in der Fremde und Rückkehr. Dieser Protagonist begibt sich also nicht auf ein Abenteuer fernab des Elternhauses.
Worum geht es also? In kurzen, episodenhaften Kapiteln zeichnet Hochgatterer die Reifung seines Erzählers, ohne auf einen starken Plot zu setzen. Den braucht es auch nicht – das Denken in diesem Text ist plastisch, die Figuren mit wenigen Strichen so lebensnah gezeichnet, dass der Text über diesen Magnetismus verfügt, der einfach keinen übergeordneten Spannungsbogen braucht.
„Damit, dass du so alt wirst, rechnet kein Mensch, sagt der alte Mann, du selbst auch nicht. Achtzig zu werden, damit rechnest du irgendwie, aber ab neunzig staunst du jeden Tag, dass es immer noch weitergeht. Ich frage ihn, was ich dazu sagen soll, und er sagt: ‚Nichts, dich wird das nicht betreffen, du bist eine neutrale Instanz.'“ (S. 36).
Zwar besucht Ingemar noch die Schule, sein Alltag ist aber stark durch erwachsene Kontaktpersonen geprägt. Am wichtigsten sind dabei sein Physiotherapeut Fred, sein Assistent Jack sowie ein alter Mann, seine jüngere Schwester und natürlich die Katze Mio, die während der Erzählung in die Familie kommt und eine ambivalente Figur ist: Ihre sieben leben stehen für die Möglichkeiten, die Ingemar nicht hat. Gleichsam begegnet sie ihm vorurteilsfrei – schmiegt sich mal an ihn, mal hinterlässt sie blutende Kratzer.
Wie bei einem Coming-of-Age-Roman üblich, gibt es natürlich diese Reibung zwischen Elterngeneration und Heranwachsendem: Vornehmlich die Mutter und der Neurologe, die auf ein neues Medikament setzen, das Ingemar aber nicht in Betracht ziehen möchte, fungieren als Reibungspunkte, an denen sich das Thema Selbstbestimmtheit herauskristallisiert.
Es geht um die großen Fragen des Lebens, um Körper und Geist, um Fürsorge und Kontrolle, um (ungewöhnliche) Freundschaft und Sexualität. Recht tabubefreit lässt Hochgatterer seinen Ingemar erzählen – eine Freiheit, die ihm auch seine gesundheitliche Situation schenkt.
Unverblümtes Sprechen und bewegtes Denken: Die Freiheit, die Mobilität, die man finden kann, auch wenn der Körper nicht mehr funktioniert, ist, zumindest für mich, der eigentliche Kern des Romans. Welch Genuss es ist, als Lesender diesen Dialogen und Gedanken beizuwohnen! Mit 139 Seiten ist Mio und die Unsterblichkeit ein schmaler Band, aber gewichtig. Das eigentliche Kunststück aber ist, dass sich der Text gefühlt noch weitaus schneller liest.
Mio und die Unsterblichkeit ist bei Zsolnay erschienen.
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