Kritik

Im Tunnel der Erinnerungen: Ich habe den Tod gerettet von Lucie Faulerová

Rezension zu Ich habe den Tod gerettetEine junge Frau sitzt im Zug und wird überfallen – von Gedanken und Erinnerungen an ihre Familie und Vergangenheit. Rätselhaft und assoziativ stürzen die Bruchstücke ihres Lebens in sie hinein. Maries Geschichte ist geprägt vom Verlust der Schwester, von einer gebrochenen Bildungs- und Erwerbsbiografie sowie von Selbstverletzungen. Wohin der Zug sie führt, ist unklar. Ich habe den Tod gerettet von Lucie Faulerová ist ein eindringlicher, formal ambitioniert erzählter Roman.

Marie sitzt im Zug mit unbekanntem Ziel. Es ist eine lange Fahrt. Die vorbeiziehende Landschaft, Gleiswechsel, Haltestopps, Tunnel – die Rhythmen der Zugfahrt werden zum Rhythmus des Gedankenstroms, der sich entblättert, immer wieder unterbrochen von der nächsten Assoziation. Marie ist jung, aber vernarbt. Sie ist besessen von Anleitungen und Statistiken. Vor allem zum Thema Selbstmord. Der Suizid einer anderen Frau, die sich auf die Gleise legte, geistert unheilvoll durch ihre Gedanken. Ebenso wie Gedanken an die enge Beziehung zur Schwester, die verstorben ist. Sie hat auch noch einen Vater, einen Bruder. Die Mutter verließ die Familie früh. Dann ist da noch eine schwierige Erwerbsbiografie und ein mythisches Totenmädchen.

Diese und weitere Gedanken springen ineinander. Lesende brauchen einige Zeit, um Zusammenhänge zu erkennen. Aus Ahnungen werden allmählich Gewissheiten. Eine bruchstückhafte Vergangenheit enthüllt ein großes Ganzes und eine Zukunft mit ungewissem Ziel.

„Der Mensch blickt so lange in den Tunnelmund, bis ihn der Mund frisst“ (S. 89).

Ich habe den Tod gerettet von Lucie Faulerová ist kein einfacher Text. Auch wenn vor allem in den Erinnerungen zwischen den Schwestern immer wieder Humor aufblitzt, zieht eine graue Atmosphäre nasskalt in Lesende. Denn die schnoddrig-humorvollen Momente stehen im Kontrast zur schwarzen Leere, die ihr Tod zurücklässt. Gleichsam ist die Prosa selbst nicht schwer, sondern durchaus umgangssprachlich geschrieben. Die fragmentierte Struktur erfordert dann nur den Willen – oder das Vertrauen in die Autorin –, am Ball zu bleiben, bis sich ein zusammenhängenderes Bild ergibt.

Das Vertrauen wird belohnt. Form und Inhalt sind zwar herausfordernd, aber sie greifen auf eine Weise ineinander, die sich verstärkt.

Ich habe den Tod gerettet von Lucie Faulerová ist bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen und wurde aus dem Tschechischen von Julia Miesenböck übersetzt.

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