Endlose Weiten, grenzenlose Gewalt: Godless [Kritik]

Godless
© Ursula Coyote/Netflix

Creede, Colorado, 1884: Ein Marshall reitet durch eine niedergebrannte Siedlung, Leichen säumen den Weg. Kurz hinter der Stadt liegt ein entgleister Zug, darum verstreut tote Menschen und eine Überlebende, die verloren singt, “Christ is a mystery in my soul”. Diese bedrückende Eröffnungssequenz der neuen Netflix Mini-Serie Godless schließt mit einer Einstellung eines erhängten Jungen. Der wilde Westen erscheint als gottloser Ort, vor dessen atemberaubend schönen Vistas sich schaurige Szenen abspielen.

Erdacht wurde die sieben 40 bis 80 Minuten lange Folgen umfassende Mini-Serie von Scott Frank, der in jeder Episode Regie führte, die Drehbücher schrieb und zusammen mit Steven Soderbergh als ausführender Produzent alle Zügel in der Hand hielt. Ursprünglich soll Godless als dreistündiger Westernfilm geplant gewesen sein, das Skript staubte viele Jahre vor sich hin. Der Hunger nach neuen Skripten, der Streamingdienste wie Netflix und Amazon Prime Video in ihrem Kampf um Marktanteile und Profilierung umtreibt, lässt sie so manch ambitioniertes Projekt umsetzen. Vielleicht stehen die Zeiten aber auch einfach nur günstig für das Western-Genre, das viele Jahre ein staubiges Nischendasein fristete und sich in jüngster Vergangenheit in Film und Literatur wieder neuer Aufmerksamkeit erfreut. Als Ur-amerikanisches Genre, das viele Mythen in sich trägt, die Amerika über sich selbst erzählt, taucht es in Krisenzeiten wieder auf. Heute erscheint die amerikanische Gesellschaft gespalten, der Schmelztiegel zeigt deutliche Risse entlang vieler Fronten, darunter zwischen Frauen und Männern (Stichwort #metoo) sowie Schwarzen und Weißen (Stichwort Black Lives Matter), um nur zwei Beispiele zu nennen.

Wer sich Godless unter dieser Prämisse anschaut, bekommt keine einfachen Antworten. Anders als die frühen klassischen Western funktioniert Godless nicht als Selbstvergewisserung einer Nation, die sich nach dem Bürgerkrieg im Westen selbst erneuerte. Godless‘ Perspektive auf die eigene Vergangenheit ist schonungslos: Rassismus, Misogynie, Waffengewalt und Epidemien prägen den Westen genauso wie die atemberaubend schönen Landschaftsaufnahmen. Der Westen ist weniger ein Raum der Erneuerung als ein Raum, in dem sich eine Bande irrer Silberdiebe die Freiheit nehmen, ein ganzes Dorf niederzumetzeln.

Dieses Gemetzel, mit dem die Serie öffnet, setzt den Ton der sieben Folgen, spielt im Verlauf der Serie aber nur eine untergeordnete Rolle. Im Zentrum der Handlung steht die in New Mexico gelegene Siedlung La Belle. An diesem Ort ereignete sich eine andere Tragödie: In der örtlichen Silbermine kamen bei einem Unfall bis auf wenige Ausnahmen alle Männer auf einen Schlag um. La Belle ist also ein Dorf voller Witwen, die ihr Leben selbst organisieren und dabei sind, die Silbermine zu verkaufen. Etwas außerhalb von La Belle lebt die Ausgestoßene Alice (Michelle Dockery), die eines Nachts einen unbekannten Reiter anschießt, um ihn anschließend wieder gesund zu pflegen. Auf ihrer Ranch lebt sie allein mit ihrem Sohn Truckee (Samuel Marty), einem Halbblut, und der zähen Schwiegermutter Iyovi (Tantoo Cardinal). Bei dem Angeschossenen handelt es sich um den Revolverhelden Roy Goode (Jack O’Connell) – dem Antihelden der Geschichte. Er war auch bei dem Massaker in Creede anwesend: Angerichtet wurde es von seinem Ziehvater Frank Griffin (Jeff Daniels) und dessen 30 gewissenlosen Banditen. Roy hat die Pläne von Frank durchkreuzt, ihm die Beute abgenommen und den Arm abgeschossen. Dieser ist nun auf Rache aus und schwört, jedes Dorf zu vernichten, das Roy aufnimmt.

Obwohl die Handlung von Godless im nachhinein recht gradlinig erscheint und schnell erzählt ist, fordert die Serie vom Zuschauer ob der zahlreichen Charaktere, die in den ersten beiden Episoden eingeführt werden, einiges an Geduld und Konzentration. Aber es lohnt sich: Denn Scott Frank nimmt sich viel Zeit, den einzelnen Figuren genügend Tiefe zu geben und sie so zu weitaus mehr als den für das Genre bekannten Typen zu machen. Dabei gelingt es ihm, einen knallharten, waschechten Western abzuliefern, der dennoch ein paar Variationen des Altbekannten liefert – wenngleich er auch etwas Potential entlang des Weges liegen lässt.

Scott Frank zeigt beispielsweise sehr schön den Wissenstransfer in Notgemeinschaften und hebelt dabei zum Teil auch Rollenerwartungen aus: So ist es der weiße Revolverheld, der dem Halbblut das Reiten beibringt; die Bordellbesitzerin wird zur Lehrerin für die Kinder; der junge Deputy will von einer Dunkelhäutigen das Violine spielen lernen; die Farmerin Alice bringt Roy das Lesen bei. Besonders die Tatsache, dass die Besetzung zum großen Teil von Frauen getragen wird, sticht im sonst männlich dominierten Western-Genre hervor. Die Figur Mary Agnes (Merritt Wever) ist hier besonders hervorzuheben. Sie hat wieder ihren Mädchennamen angenommen, trägt Hosen, weiß mit der Waffe umzugehen und ist die de facto Bürgermeisterin von La Belle.

Sie wie auch Alice müssen aber immer wieder in den Hintergrund treten und dem Konflikt zwischen Roy und Frank die Bühne zu überlassen. Denn dieser ist der Impulsgeber der gesamten Handlung. La Belle, dieses Dorf voller Frauen, hat nur lediglich das Pech, der Ort zu sein, an dem die Streithähne letztlich in einem furiosen Showdown aufeinandertreffen. Dabei zeigt sich aber auch, dass die Frauen in den von Männern heraufbeschworenen Krisen durchaus wehrhaft sind und sich selbst zu helfen wissen. Es ist unter anderem dieser letzte Aspekt, über den Godless durch die historische Linse hindurch mit der heutigen Zeit kommuniziert. Sehenswert!

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