Kritik

Hölle Jamaika: The Disappearers von Marlon James

Rezension zu The Disappearers von Marlon JamesReggae, Rum und das karibische Meer: So stellt man sich Jamaika vor. Doch die entspannten Vibes, die das touristische Herz ersehnt, bekommen eine klaustrophobische, düstere Dimension, wenn man dort wohnt und homosexuell ist: 1988 treffen sich acht Männer in Kingston, um ein Theaterstück einzustudieren. Ein mutiges Unterfangen in einer Gesellschaft, in der Homosexualität nicht nur unsichtbar ist, sondern praktisch mit dem Teufel assoziiert wird. Ein Mob geht eines Abends auf die Proben nieder. Ein Mann stirbt, einer verliert sein Augenlicht und zwei verschwinden spurlos. The Disappearers von Marlon James ist eine Tour de Force. Erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven und über Jahrzehnte hinweg, entspinnt sich ein uferloses Werk, das lange nachhallt.

„Darkness is a mood in Jamaica“ (S. 7).

Eddy ist erst 18, aber voller Angst. Er hat die High School erst hinter sich gelassen und nimmt ohne große Erwartungen an einer Theaterprobe teil. Ein homosexuell konnotiertes Theaterstück (Fortune and Men’s Eyes) soll eingeprobt und wahrscheinlich irgendwann aufgeführt werden. Dass das Stück im Gefängnis spielt, spiegelt durchaus die reale Situation der Männer, die – jeder für sich – ebenfalls eingesperrt sind. Die acht Männer, die sich zu den Proben zusammenfinden, kennen sich überwiegend nicht. Verhalten tastet man sich an das Stück, an die anderen Schauspieler heran. Ansonsten verbringt Eddy Zeit in der Mall oder zuhause. Wo er sich auch bewegt, ist er stets bedacht, nicht weiter aufzufallen. Er kennt die Geschichten von battymen – so wie Homosexuelle auf Jamaika genannt werden –, die von Mobs brutal verprügelt, wenn nicht gar ermordet wurden, ohne dass die Polizei eingeschritten wäre oder die Angreifer verfolgt hätte. Selbst schuld – so die gängige Haltung. Die Opfer werden als Täter gesehen und hätten verdient, was auch immer ihnen passiert. Dazu gehört auch Aids.

Weil zuhause die Familie auseinanderfällt – der Vater hat wohl eine Affäre –, verpasst er ein paar Proben. Glück im Unglück. Denn als er wieder zum Proberaum will, ist er von Polizeibändern abgesperrt. Ende erster Teil.

The Disappearers liest sich auf den ersten hundert von Eddy erzählten Seiten wie ein klaustrophobischer Coming-of-Age-Roman. Was folgt, sind 50 Seiten homophobe Hölle: Aus den vielen frenetischen Stimmen des Mobs, der die sieben Männer verprügelt, ist der zweite Teil zusammengesetzt. Es sind schwer erträgliche 50 Seiten, durch die sich Lesende hier kämpfen müssen.

Dann springt The Disappearers ein paar Jahre vorwärts in die 1990er. Dieses Mal erzählt Jordan Brown, der ebenfalls an den Proben teilnahm und wie die anderen schwer verletzt wurde. Ein Mann starb, einem wurden die Augen zerstört, die anderen „nur“ so schwer verletzt, dass sie ein paar Tage ins Krankenhaus mussten. Niemand holt sie ab, niemand verfolgt die entsetzliche Tat. Zwei der Männer verschwinden spurlos. Nun erzählt Jordan, der sich mit dem von survivor’s guilt geplagten Eddy auf die Suche nach den zwei Verschwundenen macht. Er führt uns aber auch durch seine eigene, von Gewalt geprägte Familiengeschichte sowie durch die liminalen Räume, in denen sich queere Menschen auf Jamaika treffen.

Multiperspektivisch, erzählt aus erster Person, in Briefen, Tagebucheinträgen und Interviews, entspinnt sich ein Panorama durch traumatisierte Leben in einem unsichtbaren Kingston. Geradezu ausufernd lässt Marlon James seine Figuren erzählen. Manches Detail hätte man wahrscheinlich nicht gern gelesen, aber der Autor ist einfach konsequent, führt Lesende durch die Torturen, denen diese Männer ausgesetzt sind, und lässt sie im letzten Drittel in den Wahnsinn hinabsteigen, den die Tat – nein, Jamaika – zurücklässt. Nicht jede Seite ist zwingend, aber sie wurde mit zwingender Feder geschrieben. Und man folgt jedem Umweg, den der Autor hier gelegentlich nimmt, verzeiht ihm das manisch Exzessive, das durch diesen vielschichtigen Text weht.

The Disappearers lässt Lesende erschöpft zurück. Aber auch reicher, wie es gute Literatur vermag. The Disappearers ist ein wütendes wie einfühlsames Werk, oft schockierend grafisch, an anderen Stellen entwaffnend zärtlich. Ein wahrhaft großer Roman!

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The Disappearers von Marlon James wurde im englischen Original gelesen. Angaben zur Übersetzung kann ich nicht machen. Wegen der stark umgangssprachlich gefärbten Sprache im jamaikanischen Patois empfiehlt es sich auf jeden Fall, das Original zu lesen, da viele Äußerungen sich nicht sauber ins Deutsche übertragen lassen.
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