Prime Minister Of Doom – Mudshadow Propaganda / DJ Healer – Nothing 2 Loose

Prime Minister Of Doom - Mudshadow PropagandaTraumprinz, Prince of Denmark, DJ Metatron, DJ Healer, Prime Minister of Doom: Hinter allen fünf Pseudonymen steckt ein Künstler, über den man abgesehen von seiner Musik nur wenig weiß. Ohne großes Tamtam – lediglich ein unaufdringlicher Hinweis auf Soundcloud – wurden am ersten April zwei neue LPs angekündigt, die binnen zwei Wochen ausverkauft waren und auf dem Gebrauchtmarkt inzwischen Spitzenpreise erzielen. Wer von der Anonymität auf maximale Distanz zwischen Musiker und seiner Hörerschaft schließt, täuscht. Die als Prime Minister Of Doom und DJ Healer veröffentlichten LPs suggerieren eine erstaunliche Verbundenheit zur Welt – obwohl der Urheber weiter ein Rätsel bleibt.

“What’s in a name?” fragte schon einst Shakespeare. Eine Rose riecht wie eine Rose, auch wenn man sie anders nennen würde. Und dass der Künstler mit Shakespeare mehr als vertraut ist, zeigt das (wahrscheinlich selbst gestaltete) Cover zur Prime Minister Of Doom-LP Mudshadow Propaganda, das ein Shakespeare-Zitat ziert. Jedes seiner Pseudonyme steht für einen anderen Musik-Stil, und doch bleibt die Handschrift des Künstlers immer unverkennbar. Diese Essenz zu benennen ist dann schon wieder etwas schwieriger. Sie liegt in einer Emotionalität, die mal stärker, mal dezenter die einzelnen Tracks informiert. Denn wenn man die Musik für sich betrachtet, verlässt sie die Formeln der jeweiligen Musikstile, derer er sich bedient, kaum. Das beste Beispiel hierfür ist das Prime Minister Of Doom-Alias, das, wie das Prince of Denmark Pseudonym vorher, im Großen und Ganzen Dub Techno liefert, ohne das Subgenre revolutionieren zu wollen.

Dem reduzierten Dub Techno der Prince of Denmark LPs The Body und 8 wohnte mit seinen von Knistern und Rauschen gehüllten gesampleten Chören, Streichern und Filmzitaten eine eher bedrückte Atmosphäre inne. Die erste Hälfte von Mudshadow Propaganda setzt auf “Tribal Days Part II”, “Tribal Days Part III” und “Drumatise” mit Congas neue Akzente. Der Sound wirkt insgesamt klarer, straffer. In “Tribal Days Part II” schlägt dem Hörer zu Beginn eine unnachgiebige, von weich flirrenden Synthies besänftige Bassdrum ins Gesicht, bis sich nach und nach geloopte Handtrommeln in den Vordergrund spielen. Diese wenigen Grundzutaten werden nur minimal variiert und mit wenigen weiteren Elementen erweitert. Dennoch gelingt hier das Kunststück, das dem Produzenten auch mit anderen Pseudonymen so oft geglückt ist: “Tribal Days Part II” ist hypnotisches home listening, das im richtigen Kontext aber auch wunderbar auf der Tanzfläche funktionieren kann.

Die zweite Hälfte der Triple-LP verliert dann etwas den sehr kompakten, stringenten Eindruck der ersten Hälfte. “Deep in Your Heart” ist mehr House als Techno und würde mit seinem Mary J. Blige Sample auch wunderbar zu dem Traumprinz-Alias passen. Beim ersten Durchlauf sicher der einprägsamste Song, der das Highlight auf vielen Parties geben könnte. “Truth Inside” hingegen vermählt den Prince of Denmark-Sound mit dem DJ Metratron-Alias. Eine elastische Bassdrum bettet sich hier auf einem sanften Streichersample. Schließlich schleicht sich aus dem Hintergrund eine Acid-Synthie-Melodie in den Vordergrund – wieder ist der Track sowohl hypnotisch als auch tanzbar.

DJ Healer - Nothing 2 Loose Diese Balance fehlt auf der DJ Healer LP Nothing to Lose. Die A-Seite kommt ohne Beats aus. “At Last (Becalming The Storm)” besteht aus erhabenden Streichern und Knistern. Auch “Great Escape” ist ein von in Moll gehaltenen Synthesizern getragener Ambient Track.

Viele der auf Nothing 2 Loose versammelten Tracks kann man als Ambient bezeichnen. Während man Mudshadow Propaganda nach Lust und Laune auflegen kann, verlangt Nothing 2 Loose nach der Aufmerksamkeit des Hörers. Man kann sich dem Eindruck nicht erwehren, dass es sich hier um die wahrscheinlich persönlichste Arbeit des Künstlers handelt. Der Sound ist kontemplativ und immer wieder werden Vocal Samples eingesetzt, die sich mit Glauben und spiritueller Heilung auseinandersetzen. So unverblümt emotional hat man elektronische Musik selten gehört – und an manchen Momenten kann es einem auch etwas zu viel werden. Kaum ein Track kommt ohne Vocal Sample aus und man wünscht sich etwas mehr zeigen als erklären. Die Musik spricht auch für sich allein.

Oft funktioniert es aber, beispielsweise auf “God’s Creation”, für mich einer der stärksten Tracks beider LPs. Der prickelnd nervöse Beat wird von Glöckchen flankiert, die von Moll-Streichern geerdet werden. Das von einer Frauenstimme gesprochene Vocal-Sample “That’s god’s creation / It’s absolutely amazing to look at it” spiegelt den Sound des Tracks sprachlich: Vor dem inneren Auge erscheint ein Natur-Vista, ein Moment innerer Ruhe in Betrachtung der Natur – ganz gleich ob sie von Gott oder dem Zufall chemischer Reaktionen erschaffen wurde.

Auf dem letzten Track “Protectionspell” spricht der Künstler dann sogar selbst über ruhige Streicher und weißem Rauschen (Atemgeräusche?). In dickem deutschen Akzent trägt er hier ein in Englisch verfasstes Gedicht vor, in dem er die Reise zu sich selbst beschreibt. Diese unverblümte Emotionalität steht vordergründig vielleicht im Widerspruch zur Anonymität, die der Künstler pflegt. Er ist distanziert und nah zugleich. Dieses Spiel mit der Identität trägt sicherlich zur Mythologisierung dieses Künstlers bei, der inzwischen beinah kulthaft verehrt wird, genauso wie die Praxis, ausschließlich auf Vinyl zu veröffentlichen. Kalkuliert wirkt es aber nicht, eher als würde ein eher schüchterner Mensch über seine Musik mit der Welt um ihn herum kommunizieren wollen.

Man kann Mudshadow Propaganda vielleicht als den funktionalen Techno-Bruder zum emotionalen, weniger leicht zugänglichen Ambient-Werk Nothing 2 Loose beschreiben. Doch beide Alben teilen Momente, die auf das Erhabene zielen. „Truth Inside Of Me (Skit)“ könnte als Ambient Track auch auf der DJ Healer Veröffentlichung Platz finden. Während Nothing 2 Loose nach innen gekehrt ist, führt der Tanz auf Mudshadow Propaganda am Ende auch zum Selbst. So gegensätzlich sie LPs klingen, sie gehören zusammen. Für mich ist Mudshadow Propaganda ohne Frage die LP, die ich öfter hören werde. DJ Healer braucht Ruhe und die richtige Stimmung, um auch an den manchmal zu sentimental geratenen Momenten vorbeizuhören.

Prime Minister Of Doom – Mudshadow Propaganda

01. Getting Things Started
02. Tribal Days Part II
03. Tribal Days Part III
04. The Vibe
05. Drumatise
06. Grand Finale
07. Deep In Your Heart
08. Truth Inside
09. Truth Inside Of Me (Skit)
10. The Wai

DJ Healer – Nothing 2 Loose

01. At Last (Becalming The Storm)
02. Great Escape
03. 2 the Dark
04. God’s Creation
05. Untitled
06. Planet Lonely
07. Hopes And Fears
08. We Are Going Nowhere
09. The Interview
10. Gone
11. Protectionspell

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Beide LPs waren über die Website allpossibleworlds.de verfügbar, waren aber binnen zwei Wochen ausverkauft. Inzwischen finden sich bei YouTube und Soundcloud aber Uploads in guter Soundqualität.

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