Beschädigte Leben: Sieben leere Häuser von Samanta Schweblin

Sieben leere Häuser von Samanta SchweblinAuch ein belebtes Haus kann sich irgendwie leer anfühlen. In den sieben Erzählungen des Erzählbands Sieben leere Häuser der argentinischen Schriftstellerin Samanta Schweblin berichten ihre Erzähler lakonisch von Beziehungen und Familien, die nicht (mehr) sinnstiftend sind.

Das Glanzstück dieser starken Sammlung ist sicher “Höhlenatmung”, eine Erzählung, die mit 65 Seiten beinah so lang geraten ist, wie die verbleibenden sechs Geschichten zusammen. “Höhlenatmung” erzählt von der alten, gebrechlichen Lola, die mit ihrem Leben schon abgeschlossen hat. Sie wünscht sich, zu sterben und verbringt ihre Tage damit, “alles auf den Tod auszurichten, ihr Leben zu drosseln, ihren Raum zu reduzieren, bis er gänzlich verschwunden wäre” (49). Um das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, hat sie sogar eine Liste anfertigt, die sie stets bei sich trägt und mehrmals am Tag konsultiert:

Alles sortieren.
Entbehrliches weggeben.
Das Wichtige einpacken.
Sich auf den Tod konzentrieren.
Ihn ignorieren, falls er sich einmischt (49).

“Ihn” ist Lolas Mann, mit dem sie allein im Haus lebt, seit der gemeinsame Sohn schon im Kindesalter verstarb – ein Tod, der nur nebenbei erwähnt wird und doch unausgesprochen durch die Erzählung spukt.
Lola geht seit einem Zwischenfall nicht mehr aus dem Haus und lässt ihren Mann so gut wie alles erledigen. Sie verstaut derweil ihr Hab und Gut in Kisten. Die Routine der Frau kommt durcheinander, als im Nachbarhaus eine allein erziehende Mutter einzieht. Deren Sohn trifft sich mit Lolas Mann im Garten – eine Begegnung, die sie mit Argwohn beobachtet. Im Verlauf der Erzählung verlässt die paranoide Lola mehr und mehr der Verstand: Die Welt löst sich zunehmend auf, reduziert sich auf bedrohliche Schatten und Geräusche – was “Höhlenatmung” durchaus den Anstrich einer Schauergeschichte gibt.

Ein zurückliegender Verlust, der die Protagonisten heimsucht und eine Gegenwart, die sinnentleert erscheint, eint die meisten dieser sieben Geschichten. So auch die Eröffungsgeschichte “Nichts von all dem”, in der eine Mutter mit ihrer Tochter, aus deren Perspektive erzählt wird, durch die besseren Viertel der Stadt fährt, in fremde Grundstücke eindringt und Gegenstände neu arrangiert oder entwendet. Das eigene Haus ist beengt und glanzlos, der Ehemann und Vater hat die Familie längst verlassen. Die Verbindung zwischen Mutter und Tochter scheint eher in Pflichtgefühl als echter emotionaler Nähe zu wurzeln. Das Verhalten der Mutter ist auch der Erzählerin ein Rätsel, das sie für den Leser folglich nicht entschlüsseln kann. Und so muss dieser sich selbst die Frage stellen, was sich die Frau von ihrem seltsamen und rücksichtslosen Verhalten verspricht.

Auch “Es passiert immer wieder in diesem Haus” sind die hilflosen Beobachtungen einer Erzählerin, die sich mit seltsamen Vorkommnissen konfrontiert sieht. Sie lebt allein mit ihrem Sohn in einem Haus – auch ihre Familie ist irgendwann zerbrochen. Vom Nachbarhaus aus fliegen regelmäßig die Kleider des verstorben Nachbarsjungen in den Garten. Der Vater des Verstorbenen kommt dann herüber, um die Kleidung wieder einzusammeln – ein Ritual, das sich regelmäßig wiederholt. Die Erzählerin hat den Drang, mit dem Mann zu reden, etwas zu sagen, doch ist sie letztlich so hilflos, wie die Eltern des Verstorbenen selbst. Die Sprache versagt, sie scheint inadäquat, um im Auge schwerer Verluste sinnstiftend zu sein.

In Sieben leere Häuser wird von Menschen erzählt, die die Orientierung verloren haben. Ihre Häuser sind nur im übertragenen Sinn leer. Es sind Familien, denen in der Vergangenheit etwas abhanden gekommen ist – ein Kind oder eine Beziehung – und die dadurch in der Gegenwart nicht mehr wissen, wie sie ihr Leben navigieren sollen. Diese Häuser wirken oft auch emotional entleert, geradezu lieblos, und die entstandenen Leerstellen werden mit psychotischem Verhalten aufgefüllt.

Meist sind es Eltern, die das Leben beschädigt zurückgelassen hat. Den Kindern, die die meisten Geschichten erzählen, bleibt oft nur wenig übrig, als das erratische Verhalten der aus der Bahn geratenen Eltern zu erdulden. Sind diese Erzähler zu machtlos, um eine Veränderung herbeizuführen oder beschreiben die Geschichten die Momente, in denen sie sich davon losmachen?

Die Erzählungen in Sieben leere Häuser werfen Fragen wie diese auf, ohne sie für den Leser zu beantworten. Samanta Schweblin nutzt die wenigen Seiten, die sie ihren Erzählungen einräumt, perfekt aus. Mit gespenstischer Ruhe erzählt sie von aus der Bahn geworfenen Leben, kein Wort ist dabei zu viel, ohne unnötig verknappend zu sein. Die Geschichten zeigen, ohne einfache Erklärungsmuster anzubieten. Schweblin schafft es so, den Leser auf Trab zuhalten und zum involvierten Spurenleser zu machen. Ohne Frage zeigt sich die Argentinierin mit dieser rundum gelungenen Sammlung als Meisterin der Kurzform unter absoluter Kontrolle all ihrer Fähigkeiten.

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Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel Siete casas vacías. Die deutsche Erstausgabe ist als Hardcover bei Suhrkamp erschienen.

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