Diese drei Bücher haben dieses Jahr auf ganzer Linie überzeugt

Moshfegh Mein Jahr der Ruhe und Entspannung Schweblin Sieben leere Häuser Guten Morgen Genosse ElefantWeihnachten ist ja die Zeit der Entschleunigung. Also genau richtig, um es sich „zwischen den Jahren“ mit einem guten Buch gemütlich zu machen. Im Folgenden habe ich drei vorzügliche Vorschläge für dieses Vorhaben.

Ottessa Moshfegh – Mein Jahr der Ruhe und Entspannung

Jeden morgen wenn der Wecker klingelt, dürstet es mich nach ein paar Minuten mehr. In Ottessa Moshfeghs neuem Roman belässt die Autorin ihre namenlose Protagonisten gleich ein ganzes Jahr im Dämmerzustand. Überarbeitet ist die junge New Yorkerin allerdings nicht. Gut situiert könnte sie eigentlich ein sorgloses Leben führen. Wäre da nicht die Trauer über den Tod der Eltern, der sie sich nicht stellt und ein gewisser Überdruss, den sie gegenüber ihrer Gesellschaft empfindet. Ihrer vom Sex and the City-Lifestyle begeisterten besten Freundin kann sie jedenfalls nur müden Sarkasmus entgegenbringen. Auch eine von Geltungssucht und Kommerzialisierung ergriffene Kunstszene gibt der Kunsthistorikerin keinen Sinn.

Wenn man nicht glaubt, irgendwas verpassen zu können, kann man auch einen ausgedehnten “Winterschlaf” halten – ihre absolut verantwortungslose Psychotherapeutin stellt der jungen New Yorkerin sogar die passenden Mittelchen bereit. Ihre Hoffnung: transformiert erwachen. Es ist ein absurdes Projekt und in den Händen anderer Schriftsteller hätte eine ziemlich müde Prosa daraus werden können. Doch Moshfeghs Originalität und trocken-humorvoller Stil machen Mein Jahr der Ruhe und Entspannung zu einem der unterhaltsamsten Romane des Jahres, angesiedelt im Jahr vor New Yorks bösem Erwachen.

Zur Rezension von Mein Jahr der Ruhe und Entspannung

Samanta Schweblin – Sieben leere Häuser

2018 war wieder ein gutes Jahr in Sachen Kurzprosa. Tatsächlich gab es mit Die Wahrheit über das Lügen von Bennedikt Wells sogar einen deutschen Titel, der überzeugen konnte. Auch im Mutterland der Short Story sind mit Florida von Lauren Groff und A Lucky Man von Jamel Brinkley zwei Erzählbände erschienen, die Kritiker begeistern konnten. Dennoch führt für mich in diesem Jahr nichts an Samanta Schweblins Sieben leere Häuser vorbei. Der mit nicht einmal 150 Seiten ökonomisch aber effektvoll erzählte Band zeigt eine Autorin im Vollbesitz ihrer beachtlichen Fähigkeiten: Kein Wort ist zu viel, keins zu wenig.

In den sieben Erzählungen nimmt Schweblin Familien ins Visier, die in ihrem Alltag von vergangenen Verlusten heimgesucht werden. Die Beschädigungen des Lebens werden mit einer zuweilen unheimlich-entrückten Atmosphäre erzählt. Die Sprache untereinander versagt, Verbindungen scheinen unterbrochen, belastet. Dabei wirken die Eltern in diesen Erzählungen psychotisch, die Kinder erzählen als vernünftige aber irgendwie hilflose Beobachter. Es sind betont unaufgeregte und gerade deswegen virtuose Erzählungen.

Zur Rezension von Sieben leere Häuser.

Christopher Wilson – Guten Morgen, Genosse Elefant

Der diesjährige Sommer war nicht nur brütend heiß. Er bot einige virtuos erzählte, humorvolle Romane. Neben Ottessa Moshfeghs Mein Jahr der Ruhe und Entspannung ist hier auch der wunderbar komische Roman Mister Weniger von Andrew Sean Creer zu nennen. Doch die dritte Empfehlung bekommt ein Buch, das ungefragt meinen Briefkasten fand und keine drei Seiten brauchte, um mich in seinen Bann zu ziehen.

Wenn mich jemand fragen würde, ob ich Lust hätte, einen Roman zu lesen, der in Stalins Russland spielt, würde ich normalerweise dankend ablehnen. Historische Fiktion ist ja nicht so mein Ding und bei dem Namen Stalin kann man ja nicht anders, als an bedrückende Elendsprosa zu denken.

Falsch gedacht: So ganz ohne Elend geht es natürlich auch in Guten Morgen, Genosse Elefant nicht. Denn hier serviert Christopher Wilson ziemlich harten Tobak – allerdings in dem charmanten Plauderton seines Protagonisten. Christopher Wilson zeigt, dass die wichtige Frage in der Kunst nicht ist, was erzählt wird, sondern wie. Und so präsentiert er uns einen unschuldigen kleinen Jungen, der unglücklicherweise zu Stalins Vorkoster erkoren wird. Die Naivität des Jungen ob der Ungeheuerlichkeiten, die er beobachtet und erlebt, machen diesen humorvoll erzählten Roman letztlich so emotional bewegend, wie es eine bierenste Prosa, durch die man sich quält, nicht könnte.

Zur Rezension von Guten Morgen, Genosse Elefant. 

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