Fieberträume: Furnace of Guts von Shackleton

shackleton furnace of guts reviewEs gibt für mich mindestens zwei Arten von Musik: Die, die man beiläufig als angenehmes Hintergrundgeräusch hört und jene, die zum Reisen einlädt. Die Musik des britischen Produzenten Shackleton zählt definitiv zu letzterer: Mit einem unverwechselbarem Sounddesign erschafft er Klanglabyrinthe, in denen man sich wunderbar verlieren kann. Mit Furnace of Guts legt er die stärkste und zugänglichste Musik in Jahren vor. 

Wer Zutritt in diese mäandernden Klanglandschaften will, braucht etwas Geduld: Dem Ohr bieten beim ersten Hören kaum Wegmarken, an die es sich halten kann. Oft fließen die Songs ohne vordergründig strukturierende Elemente wie Refrains über zehn Minuten oder mehr aus den Boxen, bleiben dabei immer in Bewegung. Die Soundpalette, mit der Shackleton arbeitet, macht es nicht einfacher: Er verarbeitet gerne obskure, exotische Instrumente aus Afrika oder dem nahen Osten, setzt stark verfremdete Vocal Samples ein oder arbeitet mit Gastsängern wie Vengeance Tenfold oder Anika, die nicht minder idiosynkratisch in ihrem Vortrag sind als er selbst. Man könnte seine Musik also als durchaus sperrig bezeichnen. Und man ist als Hörer nicht immer Willens, ihm zu folgen. Besonders auf den letzten Veröffentlichungen ist er so tief in den Kaninchenbau seines eigenen Sounds gestiegen, dass man sich gewisser Ermüdungserscheinungen nicht verwehren konnte. Die neue EP bremst diese Entwicklung aus: Furnace of Guts kommt ohne Gäste aus und gibt sich so zugänglich wie lange nicht.

Der Titeltrack scheint beim ersten Durchlauf der Spur jüngster Veröffentlichungen zu folgen, spannt aber einen straffen Spannungsbogen, wirkt somit chaotisch und geradlinig zugleich. Den Auftakt machen filigrane Stabspiele und ein stotterndes, schamanisches Vokalsample. Nach und nach werden mehr und mehr rhythmische Elemente ineinanderwirbelt, unter denen wie aus dem Unterholz ein Basslauf stelzt. Rauschende und dröhnende Geräusche verdunkeln den anfangs hibbeligen Sound, bis sich stark verfremdete Chorsamples und stetig anziehende Drums zu einem fiebrigen Crescendo steigern. Es ist ein bisschen, als würde man einer rituellen Geisteraustreibung lauschen, die nach ihrem hitzigen Finale aufklart und entspannt ausklingt.

Während “Furnace of Guts” in seinem labyrinthinen Verlauf aus polyphonen Stimmen und Rhythmen Shackletons Veröffentlichungen jüngster Vergangenheit fortzuschreiben scheint, schielt “Wakefulness and Obsession” mit Echos früherer Dub-Produktionen wieder in Richtung der Tanzfläche.

Wieder sind es exotische, schwer zu identifizierenden Mallet-Instrumente, die etwas verloren den Song mit gespenstischen, ineinander geloopten und nicht näher zu bestimmenden Chören eröffnen. Eine leicht beklemmende Atmosphäre macht sich breit, ein heulendes Geräusch flieht wie eine Heimsuchung durch den Song, High Hats klatschen wie eine Brandung in den Mix. Und dann kommt der Moment, in dem diese dissonanten Elemente plötzlich von einer wuchtigen Drum in Position gebracht werden und alles ineinandergreift. Die erste, schwerfällige Sequenz des in drei Bewegungen gegliederten Tracks ist die “Schloflosigkeit” des Songtitels, die verbleibenden zwei Teile verdichten den Schlafmangel zu einer paranoiden Obsession, die in einem furiosen, wuchtigen Finale mündet. Großes Kino.

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Furnace of Guts erschien bei Shackletons eigenem Label Woe to the Septic Heart als digitaler Download und Vinyl.

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