Partikelgestöber: Am Bahndamm von Pierre Chiquet

Am Bahndamm von Pierre ChiquetDie Unmöglichkeit, sich selbst zu kennen: Ein etwa fünfzigjähriger Mann wird eines Abends von Unbekannten niedergeschlagen und findet sich sprach- und bewegungslos in einem Krankenhausbett wieder. Die Ärzte bescheinigen ihm: Alles ist in Ordnung. Physische Probleme sind es also nicht, die ihn in Schockstarre haben fallen lassen. Es ist eine Erinnerung an die Jugend, die der Überfall in ihm aufbricht und eine Identitätskrise auslöst: Eine große Verunsicherung ergreift Paul: “Ich wurde nicht, was ich hätte sein können” (50).

Als Paul elf Jahre alt ist, treibt er sich nach der Schule häufig am Bahndamm herum. Eines Tages wirft er einen Stein gegen einen vorbeifahrenden Zug, trifft ein Fenster. Obwohl dieses Ereignis für sich genommen keine strafrechtlichen Konsequenzen hat, bleibt er nicht unbemerkt. Jossi Winkler, ein neuer, unnahbarer Mitschüler, hat ihn dabei beobachtet und konfrontiert ihn. Es kommt zu einem Kampf, den der körperlich unterlegene Paul zu seiner eigenen Überraschung gewinnt. Dieser Moment stellt für den Erzähler eine Zäsur dar: Sein Sieg ist eine Art kosmischer Irrtum, der sein Selbstbild verändert, ihn verfälscht: “ich bin gar nicht der, für den ich mich halte” (70).

Eines Tages verschwindet Jossi wieder aus dem Leben des Mannes, der später als Journalist und Schriftsteller arbeitet. Als er sich vierzig Jahre später erstarrt im Krankenhaus wiederfindet, ist das eine Art Moratorium, das er sich selbst verordnet. “‘Sie haben sich Ihre eigene Krankheit geschaffen, […] und Sie allein werden das tun, was zu Ihrer Genesung notwendig ist”, bescheinigt ihm sein Arzt (83).

Ich bin nun ein Mann ohne Gefühl für sein Alter, ein willenloses Blatt, emporgehoben und umhergewirbelt von verborgenen Kräften (78).

Im ersten Teil des Romans gleitet Paul in seiner selbst verordneten Bewegungslosigkeit in die Erinnerungen seiner Kindheit und die Faszination, die Jossi auf ihn ausübte. Sein Leben in der Gegenwart erscheint leer und konturlos. Der Leser erfährt so gut wie nichts davon. Eine Frau, seine Frau, taucht beispielsweise an seinem Krankenbett auf, doch die Beziehung bleibt schemenhaft. Pauls Leben bleibt dem Leser – vielleicht auch ihm selbst – fremd. Das macht es auch etwas schwierig, sich in den Text einzufinden und ein Verständnis dafür zu entwickeln, warum diese kleine Keilerei zweier Jungs vierzig Jahre später so eine Macht über den Erzähler entfaltet.

Am Bahndamm nimmt im zweiten Teil etwas mehr Bewegung auf. Paul will Jossi Winkler ausfindig machen. Sein Weg führt ihn in das Jahr 1980 in die Gartenstadt, ein von Hausbesetzern geprägtes alternatives Umfeld und in seine ehemalige WG, in der auch Jossi wohnte und trotzdem ein Fremder bleibt. Die Erzählperspektive verschiebt sich: Drei seiner Mitbewohner erzählen abwechselnd vom Leben in der alternativen Szene. Ihre Erinnerungen umkreisen dabei immer wieder mit Bewunderung Jossi. Paul kommt dabei nicht so gut weg, ist zu bürgerlich. Während sie sich als “Poeten ohne Werk” sehen und die Gartenstadt als ihre Universität betrachten, studiert Paul, generiert sich als angehender Schriftsteller und sucht nach Anerkennung von Leuten, die ihn eigentlich verachten.

Am Bahndamm ist eine postmoderne Erzählung über die Ideen, die Menschen von sich selbst haben. Sie springt dabei zwischen verschiedenen Perspektiven und Zeiten, erscheint zuweilen so fragmentiert wie seine Figuren, die sich gern in selbstgefälligen Posen gefallen. Ein Roman als Versuchsanordnung, der nach Identität fragt, ohne Antworten finden zu können: Wie soll man auch sagen, wer man hätte sein können, wenn man es nie war?

In der Mitte kommentiert sich der Text selbst, als eine ehemalige Mitbewohnerin von Paul über dessen Schreibversuche ätzt: “Zersetzungsprosa, Partikelgestöber, zerfaserte Geschichten, nichts Handfestes jedenfalls, nichts, das man nachvollziehen und einordnen konnte” (127). In diesem Urteil schimmert auch die Vorstellung von Identität mit, die Am Bahndamm zum Vorschein bringt. Pierre Chiquet hat einen durchaus klugen Roman geschrieben, der es leider verpasst, ein erzählerisches Momentum zu finden und somit die Aufmerksamkeit des Lesers auf seine eigene Konstruktion lenkt. Anders ausgedrückt: Als würde man bei einem Kleidungsstück nur auf dessen Nähte achten.

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Am Bahndamm ist beim bilgerverlag erschienen.

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