Michael Kumpfmüller – Tage mit Ora

Michael Kumpfmüller - Tage mit OraZwei gebrauchte Leben und die Frage, ob sie zusammen ein neues wagen: In Michael Kumpfmüllers neuem Roman Tage mit Ora begeben sich zwei Leute, die sich kaum kennen, auf einen kleinen Road Trip, um herauszufinden, ob aus der Anziehung zwischen ihnen vielleicht auch etwas mehr werden kann.

Man kommt nicht ohne Beschädigungen durchs Leben. Der etwa fünfzigjährige Erzähler hat eine auf hässliche Weise gescheiterte Ehe hinter sich, als er bei einer Hochzeitsparty die Kunstschneiderin Ora trifft. Sie entwarf das Hochzeitskleid, “das auf eine furiose Weise schlicht war” (23). Die alleinerziehende, anfang vierzigjährige Frau bringt ihn, wie er es sagt, aus der Fassung. Da ist etwas, das ihn festhält. Sie ist “der Typ gut aussehende Frau, die über ihre Wirkung genau Bescheid weiß”, informiert er den Leser gleich auf der ersten Seite der knapp 170 Seiten langen Erzählung. Und: “Es gefiel mir nicht, dass das so war, oder besser: Eben weil es mir nicht gefiel, zog es mich zu ihr hin.” Man könnte auch sagen, Ora macht ihn kirre: Sie ist viel zu interessant, um die eigenen Unsicherheiten und Bedenken nicht achtlos hinter sich zu lassen.

Ora geht es wohl nicht anders. Noch am Abend des ersten Kennenlernens schickt sie ihm die erste E-Mail. Obwohl sie auf der Hochzeit nur wenig Zeit miteinander verbrachten – sie kamen beim Rauchen ins Gespräch – gibt es verbindende Elemente. Beide sind kreativ tätig, stammen aus dem Süden und waren bereits, wie der Erzähler es ausdrückt, in psychische Turbulenzen geraten. Wie häufig trifft man schon Leute bei einer Hochzeit, die nicht nur bezaubernd aussehen, sondern auch die gleichen Tabletten nehmen?

Während die Gemeinsamkeiten beide zueinanderziehen, sorgen sie auch für Abstand. Denn bei den Tabletten geht es um das Antidepressivum Citalopram – ein deutliches Zeichen, dass beide die Wunden aus vorhergehenden Liebschaften noch nicht verwunden haben. Ora und der Erzähler sagen dann auch Sachen wie “außer meinen Tabletten traue ich derzeit niemandem” (29). Vor emotionalen Achterbahnfahrten schrickt man eher zurück, als einzusteigen, “also schnitt man mithilfe von Medikamenten die emotionalen Spitzen ab und versuchte, ein halbwegs normales Leben zu führen” (30).

Da das Glück aber nicht ohne Risiken zu haben ist, schlägt der Erzähler nach kurzer Zeit eine gemeinsame Reise vor. Zu seiner Überraschung stimmt Ora zu. Sie legt sogar die Route fest: Man folgt den Orten, die in Oras Lieblingslied, “June on the West Coast” von Bright Eyes, genannt werden. Außer diesen Koordinaten bleibt die Reiseplanung unverbindlich. Man weiß lediglich, dass der Weg von der Pazifikküste bis zur Wüste Arizonas führen wird. Der Song, dessen Text auch am Ende der Erzählung abgedruckt ist, enthält in gewisser Weise bereits die Handlung von Tage mit Ora – ein Mann erzählt von einem gebrochenen Herzen, das wieder auftaut.

Diese äußere Reise durch den Westen der USA soll also eine Reise zueinander sein. Man will mehr übereinander erfahren, gleichsam schwebt eine unbestimmte Angst mit. Ora möchte sich eigentlich nicht mehr fest binden. Der Erzähler fragt sich, was passiert, wenn sie sich “eines Tages zu-Ende-kennengelernt hätten” (9).

Oras Unverbindlichkeit kollidiert dabei mit der Bedächtigkeit des Erzählers. Er ist jemand, der die Dinge erst prüfen muss, bevor er sie leben kann. Doch ist es überhaupt möglich, einen Menschen vollumfänglich zu kennen? In ihm kommt Skepsis auf:

Ich dachte: Im Grunde kennst du sie nicht. Du wirst sie auch auf dieser Reise nicht kennenlernen, und wenn, dann nur als Reisende, danach kennst du sie genauso wenig wie zuvor (104).

Tage mit Ora ist ein unaufgeregt erzählter Text, der schildert, wie sich zwei Menschen zwei Wochen lang umkreisen und austesten, wie nah sie sich wirklich kommen können und ob sie bereit sind, sich dabei zu verbrennen. Der Roman ist eine kurze und leichte, aber nicht schlichte Lektüre, bei der man sich an manchen Stellen allerdings etwas mehr Knistern wünschen würde. Das Kribbeln und die Spannung, die einer solchen Romanze innewohnt, geht in der Ruhe der Erzählstimme etwas verloren – Tage mit Ora liest sich zuweilen ziemlich verklemmt. Aber vielleicht ist das einfach so, wenn man mit Medikamenten “die emotionalen Spitzen” abschneidet.

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Tage mit Ora ist als Hardcover bei Kiepenheuer & Witsch erhältlich.

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