Mit 40 fängt das Leben an? Nächste Station von Helen Simpson

Nächste Station von Helen SimpsonWas passiert, wenn die wichtigen Meilensteine eines Lebens, Geburt, Bildung, Heirat, Kinder und die eventuelle Scheidung bereits abgehakt sind? Helen Simpson gibt ein paar Antworten in den neun Erzählungen von Nächste Station. Es sind süffisant erzählte Texte, in deren Zentrum zumeist bürgerliche Londoner mittleren Alters stehen. Das ist überwiegend unterhaltsam, wenngleich nicht jede Geschichte wirklich zündet.

In den besten Momenten lässt Helen Simpson ihre Protagonisten, oftmals gebildete Frauen, einfach drauflos plaudern. Ihr Talent für leichtfüßige Dialoge ist zweifelsfrei die treibende Kraft der Erzählungen. Das beste Beispiel hierfür ist die erste Erzählung der Sammlung, “Cockfosters”, wo sich zwei einstige Jugendfreundinnen in der Londoner U-Bahn wiedertreffen. Die Anforderungen des Erwachsenenlebens haben sie entfremdet. Nun, wo die Kinder erwachsen sind, finden sie wieder zueinander und eine alte Vertrautheit stellt sich ein. Eine der Frauen, Julie, hat ihre neue Brille in der U-Bahn vergessen. Ihre neue/alte Freundin Philippa zeigt sich solidarisch und möchte sie zur Endhaltestation begleiten, damit Julie die Brille aus dem Fundbüro holen kann – ein Glücksfall, weil beide sich weiter unterhalten können. Station für Station nähern sich beide wieder an. Die Endstation führt also nicht zu einem Ende hin, sondern zu einem Neuanfang.

Ein ähnlicher Glücksfall ist “Kentish Town”. Hier treffen sich vier Frauen zu einem Lesezirkel, um sich über Die Silversterglocken von Charles Dickens auszutauschen. Daraus ergibt sich ein rasantes Gespräch, das direkt an Dickens anknüpft, der in seinen Texten soziale Missstände beleuchtete. Angeregt debattieren die Frauen über den kalten Neoliberalismus, der Großbritannien ergriffen hat und stellen fest, dass die Missstände, die Dickens herausstellte, noch nicht überwunden sind. In dieser und einigen anderen Geschichten schafft es Simpson, das Persönliche ohne Anstrengung an einen größeren gesellschaftspolitischen Kontext zu knüpfen.

Das gelingt ihr aber nicht immer: In “Erewhon” inszeniert sie einen Mann in der Rolle der überforderten Ehefrau. Nachts wach liegend klagt er sein Leid über die Doppelrolle als Lehrer in Vollzeit, der nebenbei den Haushalt schmeißen muss und dafür keinerlei Anerkennung von der emotional abgestumpften Frau bekommt, während “die Medien Männer über vierzig diskriminieren” (31). Hier will sie durch das einfache Vertauschen der Geschlechter auf ein Ungleichgewicht aufmerksam machen, dass das Leben vieler Frauen in dieser Generation geprägt hat (und sicher ist sie auch auf einen Lacher aus). Doch das bloße Vertauschen des biologischen Geschlechts ist ein zu einfach gestrickter Kniff, der die dreizehn Seiten lange Erzählung nicht trägt.

“Moskau”, eine weitere Erzählung, deren Kern Rollenbilder und Emanzipation ist, gelingt das etwas besser: Erzählt wird aus der Perspektive einer erfolgreichen Geschäftsfrau, die dem Erfolg ihrer Firma oberste Priorität einräumt und stolz darauf ist, mehr als der Mann zu verdienen. In dieser Geschichte wartet die von einer Knie-OP geschwächte Frau – erste Gebrechlichkeiten des Alters finden sich in vielen Texten – auf einen Handwerker, der den Kühlschrank reparieren soll. Dessen russische Herkunft triggert eine Reihe Erinnerungen an eine Geschäftsreise nach Moskau und die Rollenbilder dort. Die Erinnerungen reichen noch weiter in eine Kindheit, die von einem gewalttätigen Vater geprägt war und als Erklärung für die Kompromisslosigkeit der Frau angeboten wird.

Die meisten Erzählungen leben von einem unangestrengten, plaudernden Sound, der gelegentlich aber ins ins Stolpern gerät. So erzählt in “Kythera” eine Mutter am achtzehnten Geburtstag ihrer Tochter süßlich von den zurückliegenden Jahren, während sie einen Zitronenkuchen bäckt – das kann man herzerwärmend finden, aber auch etwas trivial.

Nächste Station ist im Großen und Ganzen ein kurzweiliger Erzählband, der durchaus Facettenreich die Alltagsprobleme von Menschen mittleren Alters einfängt. Das ist oft unterhaltsam, gelegentlich nachdenklich und manchmal leider auch ein bisschen zu seicht.

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Die englische Originalausgabe von Nächste Station ist ursprünglich 2015 unter dem Titel Cockfosters erschienen. Die deutsche Übersetzung ist bei Kein und Aber erhältlich.

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