Wo die Vöglein lieblich trällern: Björks Utopia [Kritik]

Björk Utopia Rezension KritikNach der emotionalen Verwüstung des Trennungs-Albums Vulnicura (2015) entwirft Björk auf ihrem zehnten Album ihr Utopia. Der positive, nach vorn gerichtete Grundtenor ist nicht gleichbedeutend mit leicht verdaulichen Ohrwürmern: Der Wille zur Kunst weht wie eh und je durch das Werk der Isländerin.

Gänzlich neu erfindet sie sich dabei nicht. Zwar klingt Utopia nicht nur positiver als der Vorgänger, auch textlich herrscht Frühling und Aufbruchstimmung. Sowohl im Klang als auch in den Inhalten gibt es aber Anknüpfungspunkte an Vulnicura, das Björk als Reaktion auf die Trennung von ihrem Partner und Vater der gemeinsamen Tochter, dem Künstler Matthew Barney, aufnahm. Bezüglich des Sounds ist die erneute Kooperation mit dem Produzenten Arca hervorzuheben, der wieder kühle, oft kühn rumpelnd übereinander geschichtete Beats beisteuert. Während Vulnicura aber sonst nur von Streicher-Arrangements geprägt ist, nimmt Utopia den Hörer mit in neue Klangwelten. So engagierte Björk eine 12-köpfige Flötistinnen-Gruppe für die Aufnahmen. Hinzu kommen Harfen, Vogelgesänge, der Klang des Windes. Der etwas luftigere, die Natur einbeziehende Sound von Utopia repräsentiert somit eine Abkehr von dem ganz aufs Innere fokussierten Vulnicura und deutet eine Öffnung gegenüber neuen Möglichkeiten – gesellschaftlich und privat – an.

Im berauschenden Eröffnungssong „Arisen My Senses“ kaskadieren dann gleich programmatisch Harfe und Acras Beats während Björk davon singt, nach dem emotionalen Winter von Vulnicura neu erwacht zu sein. Dabei erinnert sie etwas an ein wach geküsstes Dornröschen:

Just that kiss/ Was all there is/ Every cell in my body/ Lined up for you

Dieses Erwachen und die Neugier auf neue Erfahrungen taucht auch in der ersten Single, “The Gate”, auf: “My healed chest wound/ Transformed into a gate/ Where I receive love from/ Where I give love from”. “The Gate” ist einer der wenigen Songs, der in der mit 71 Minuten Spielzeit etwas ausufernden Sammlung eine wiedererkennbare Melodie enthält. Traditionelle Pop-Strukturen interessieren Björk wie auf den vorherigen Alben eher wenig. Neue Fans wird sie mit diesem Album also eher nicht gewinnen. Dem Hörer wird einiges an Geduld abverlangt, sich in die Musik, die zuweilen etwas strukturlos wirkt und mit einer ungewohnten Instrumentierung aufwartet, einzufinden. Die Attraktion des Albums ist zweifelsohne sein verspielter, idiosynkratischer Sound. Björks Interesse gilt der Komplexität menschlicher Emotionen und dem Versuch, ihnen eine Sprache zu geben. Die Schwierigkeit, Liebe einzufangen, beschreibt sie in dem 10-minütigen “Body Memory” beispielsweise wunderschön als “threading an ocean through a needle”.

Es geht aber auch ohne Vergleiche und Metaphern. Bisweilen wirkt sie wie ein verliebter Teenager, der das Wort “Love” googelt (“Features Creatures”) und mit der neuen Flamme MP3s austauscht (“Blissing Me”). Ihr isländischer Akzent tritt bei der Intonation solcher Zeilen stärker als zuvor in Erscheinung, sie rollt den Buchstaben “r” manchmal so stark, dass es klingt als würde sie verzückt schnurrrrrrrren.

Auf anderen Songs kehrt sie zu den emotionalen Verwerfungen von Vulnicura zurück. Bei “Tabula Rasa” wirft sie allen Ballast ab. “We are all swollen/ From hiding his affairs” singt sie über schwelende Flöten und hofft, dass sich die Fehler der Eltern nicht auf die Kinder übertragen. Lassen wir es mal dahingestellt, ob die für die Öffentlichkeit hörbare Aufarbeitung dabei wirklich hilfreich ist. So findet auch die Sorgerechtsklage, die Matthew Barney anstrengte, Eingang in Utopia. Das Resultat ist der vielleicht eingängigste Songs des Albums, “Sue Me”. Beinah genussvoll intoniert Sie im dritten Refrain die Zeile “Sue me, sue me, sue me all you want” – so klingt ein Ton gewordener Mittelfinger an den Ex. Arcas Beats wirbeln entsprechend nachdrücklich durch den Song, während die Flöten in den Hintergrund treten.

Gänzlich ohne Beats schließt das Album auf einer fast meditativen Note. Björks heller Gesang wird auf „Future Forever“ von warmen, filigranen Synthesizern umspielt. Die Kämpfe der Vergangenheit werden zurückgelassen, der Blick nach vorn gerichtet. Die emotionale Arbeit mündet in weisen Worten:

Your past is on loop, turn it off/ See this possible future and be in it.

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