Durch den Wald [Prosa]

schmiertiger-dresden-wanderung-prosa-literatur waldEs steht einfach da. Und auch wenn es letztlich eine Banalität ist, fühlt es sich doch besonders an. Als würde man in einem kleinen Abenteuer oder Geheimnis stehen, das dem Schwermut, der über diesem Ausflug hängt, eine neue Richtung gibt. Da ist eine kindliche Aufregung in mir, die mir abhanden gekommen ist, so wie sich alte Freunde abhanden kommen. Plötzlich sieht man sich nach langer Zeit und weiß nicht mehr zu sagen als „Und, was machst du so?“ Vielleicht ist der Wald so ein alter Bekannter und das Auto seine Art zu fragen, was ich gemacht habe, seit ich Kind und häufiger zu Gast war – die Luft hier, wie sie sich in den Lungen anfühlt, der Geruch – das alles habe ich vergessen, das alles ist vertraut. Nur diese Lichtung mit diesem Auto nicht. Als wäre beides nur für uns hier – die Sonne scheint durch das Loch im Dach des Waldes, ein Scheinwerfer wie bei einer Automesse. Ameisen müssten unter den Rädern sitzen und es im Kreis drehen. Die leicht bekleidete Frau, die sich darauf räkeln könnte, habe ich selbst mitgebracht. Aber vielleicht ist das auch die falsche Idee. Seit ein paar Kilometern frage ich mich, warum ich hier bin und nicht in meiner Wohnung über Umzugskartons stehe. Ich weiß, was sie hier sucht. Und das hat wenig mit mir zu tun. Vielleicht fühlt es sich deshalb so gut an, dieses Auto hier zu finden – eine Entdeckung, die wir gemacht haben.

Es ist eine alte Mercedes Limousine, späte Siebziger, frühe Achtziger vielleicht. Man sieht die Jahre und doch sitzt der Stern aufrecht auf der Haube – Ein Irrtum, der sich als Selbstverständlichkeit präsentiert. Hier und da sind ein paar Dellen und Kratzer, die Zeit frisst sich an einigen Stellen rotbraun durch den Lack. Die Reifen haben einen Platten, der Stoßdämpfer sieht aus, als könne er jede Minute abfallen. Abgesehen davon wirkt der Mercedes durchaus fahrtauglich. Man würde sich auf der Straße nicht danach umdrehen. Er ist wie eine blaue Leinwand, die man nur im Museum nach ihrem Geheimnis befragt. Davon fahren könnte man mit dem Mercedes jedoch nicht: Die Lichtung ist vollständig von Bäumen gesäumt. Kein Weg führt heraus.
„Sieht aus wie eins dieser Autos, das irgendein Drogendealer in einem alten Film durchs Ghetto fährt.“
„Ja… irgendwie.“
„Wie sollten es mal auschecken.“
Das sollten wir.

Sie läuft federnd aber bestimmt auf den Kofferraum zu. Ich bleibe kurz stehen, meine Augen sind auf ihren kleinen runden Hintern in den abgeschnitten Hosen gerichtet. Wenn sie läuft, sieht man den Ansatz der Pobacken, die Falte, an der Schenkel in Arsch übergehen. Die Hosen sind sicher nicht sexy gemeint, würde sie sagen, wäre man dumm genug, sie darauf anzusprechen. Kein Grund, sie zu einem Objekt zu machen. Ich kenne sie seit fast zwei Jahren, seitdem Stephan sie mal zu einer Party in meiner WG mitgebrachte. Beide hatten einen Studentenjob in einem interdisziplinären Forschungsprojekt, bei dem es irgendwie um gender und Gleichstellung in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen ging. Die letzten Monate haben wir auch ohne Stephan Kontakt gehalten.
Aber sie sieht sexy aus in ihren Hotpants, dem etwas zu weiten grauen Trägershirt und auch wenn sie sich die Achseln nicht rasiert, würde ich sie gern wie ein Objekt auf den Kofferraum setzen, die Hose-
„Steh da nicht so, hilf mir lieber!“
Der Kofferraum lässt sich natürlich nicht öffnen, daran kann ich auch nichts ändern.
„Was da wohl drin ist?“
„Ein ermorderter Polizeiinformant?“
„Mach mir keine Angst!“
„Ich doch nicht!“
„Blödmann!“

Wir versuchen die Türen, aber keine davon lässt sich öffnen, also setze ich mich auf die Motorhaube, drehe mir eine Zigarette, schaue dabei zu, wie sie den Boden der Lichtung nach einem Stein absucht, um die Scheiben einzuschlagen. Die Idee ist durchaus verführerisch, bringt mich allerdings nicht dazu, ihr bei dem Unterfangen zu helfen. Vielleicht sollte man den Zerstörungstrieb mal ruhen lassen und die Dinge einfach nur betrachten können und schauen, was sie einem mitteilen. Die Wahrheit will man doch meistens gar nicht hören, wie die Antwort auf die Frage: Was haben wir eigentlich? Alles eine Frage des Kontexts: Was wir haben, ist ein Rucksack mit einer Decke zum sitzen, Bananen zum essen und Tabak zum rauchen. Und wir haben eine Mission.

„Wer stellt schon ein Auto im Wald ab und schließt dann die Türen ab?“
Das ist in der Tat eine interessante Frage. Ich denke einen Zigarettenzug lang darüber nach.
„Vielleicht ist es einfach nur die Zeit, die sie verschlossen hat?“
„Vielleicht sind da Drogen drin, die hier gebunkert sind.“
„Alles ist möglich.“
„Das wäre zumindest besser als ein Mordopfer!“
„Allerdings.“
„Und wie finden wir das nun heraus?“
„Wir überlegen uns was. Komm, setz dich zu mir.“
Wir liegen auf der Motorhaube und schauen in den Himmel. Es ist später August, und auch wenn die Temperaturen Sommer sagen, lässt das Licht uns wissen, dass wir uns es nicht zu gemütlich darin machen sollten. Aus der Ferne hört man einen Zug.
„Das Geräusch, das wurde mir zumindest von Leuten, die es erfahren haben, gesagt, ist das Schlimmste.“
„Warum sagst du mir sowas?“
„Weiß nicht, es ging mir nur durch den Kopf.“
„Ich hab grad so schön an nichts gedacht. Das Licht hier ist angenehm, beruhigend irgendwie.“
„Ob er auch hier war?“
„Kannst du mir eine Banane aus dem Rucksack geben? Ich brauche meine tägliche Dosis Kalium.“

In zwei Stunden wird es vielleicht schon dunkel sein und in leichter Panik vergewissere ich mich, ob ich meine Taschenlampe dabei habe. Sie ist wieder auf den Beinen und versucht mit einem Stock das Auto aufzuhebeln. Das wird so nicht funktionieren. Auf der Windschutzscheibe des Autos liegen jetzt zwei Bananenschalen. Nun kann man sich nicht mehr so schön dort anlehnen, wie eben noch. Als sie geniest hat, so wie sie immer niest, mit einem hohen langgezogenen -iiih am Ende, habe ich meine Arme um sie gelegt und ihr einen Kuss gegeben. Dann sprang sie auf, klatschte ihre Bananenschale auf die Windschutzscheibe und begann, einen Stock zu suchen – „Ich muss wissen, was da drin ist!“, sagte sie mit aufgerissenen Augen ohne zu sehen, worum es hier wirklich geht. Seit dem Vorfall hat sie ein Problem mit Nähe. Meine Mission ist, das zu ändern. Darum bin ich hier.

Man sollte sich eigentlich nicht auf das manische Verhalten anderer Menschen einlassen. Aber für diese Überlegung ist es eigentlich schon zu spät. Ich stehe hier im Wald und rauche schon wieder eine Zigarette und beobachte, wie sie mit einem Stock auf den Mercedes einschlägt. Ohne Kontext wäre das ein lustiger Anblick, doch der ausblassende Himmel und das Wissen, das wir noch einen, vielleicht auch zwei Kilometer laufen müssen und dann wieder einen sechs Kilometer Rückweg haben, legt sich wie ein klebriger Schweißfilm auf mein Gemüt. Ich muss etwas unternehmen. Ich trete die Zigarette aus, dann gehe ich auf das Auto zu, schiebe sie beiseite und springe auf die Motorhaube, suche mir einen Punkt zwischen den Bananenschalen, und trete zu.

„Wir dürfen uns auf keinen Fall verletzen,“ sagt sie entschlossen und presst die Lippen schmal aufeinander. Mir steckt eine Glasscherbe in der Schuhsole, meine Ferse fühlt sich nass an. Sie merkt es gar nicht, wie ich von der Motorhaube rutsche und mir langsam den Schuh ausziehe. Unterdessen entfernt sie mit ihrem Stock Stück für Stück die komplette Windschutzscheibe, das knirschende Geräusch gefolgt vom Klicken der niederfallenden Scherben wirkt hier fremd. Als ich meinen Schuh ausgezogen und den glücklicherweise nur geringen Schaden an meinem Fuß begutachtet habe, ist sie schon im Auto verschwunden. Sie schaut unter den Sitzen, im Handschuhfach und den Seitenfächern und wirkt dabei etwas fahrig.

„Nichts nichts nichts nichts nichts nichts“, höre ich immer aufgeregter aus dem Auto. „Nichts!“
„Schau mal beim Fahrersitz, ob du einen Hebel für den Kofferraum findest.“
„Hier ist einer.“
„Zieh mal dran.“
„Und?“
„Hm, nein. Bekommst du die Fahrertür von innen auf?“
„Nein, komm doch einfach durch die Scheibe.“

Von innen klappe ich die Rücksitze nach vorn. Sofort schiebt sie mich zur Seite und bleibt dann regungslos vor der Öffnung sitzen.
„Nur ein blöder Verbandskasten.“
„Lass uns lieber weiter gehen. Es wird bald dunkel.“

Nachdem sie den Verbandskasten komplett auseinander genommen hatte, gingen wir endlich los. Dass ich etwas humpele, ist ihr nicht aufgefallen. Seit einigen Minuten laufen wir stumm nebeneinander her. Die vorbeifahrenden Züge werden immer lauter. Wir sind bald da.
„Ihr kanntet euch von der Schule?“
„Ja.“
Das alles weiß sie schon. Sie ist nervös.
„Und seid dann zusammen an die Uni?“
„Nicht wirklich – Wir haben ja unterschiedliche Sachen studiert. Zur Schulzeit waren wir gar nicht so gut miteinander.“
„Ach wirklich?“
„Ja.“
„Kann ich mir gar nicht vorstellen.“
„Nicht?“
„Nein, er war so umgänglich.“
„Vielleicht lag’s ja an mir.“
„Ja, vielleicht.“
Sie dreht sich im Laufen um, als würde sie noch einmal zum Auto wollen. „Ich dachte, ich war mir sicher, dass – – -“
Als sie sich zurück dreht, suche ich ihre Hand, aber sie weicht mir aus.

Wir kommen an der richtigen Stelle aus dem Wald. Wir laufen vielleicht hundert Meter, bis wir vor dem Holzkreuz stehen.
Sie stellt sich auf die Gleise, ich tue es ihr gleich. An den leichten Vibrationen erkennt man, dass hier jede Minute ein Zug kommen wird. Es ist das Ende eines längeren, geraden Abschnitts, auf dem die Züge mit Hochgeschwindigkeit fahren können.
„Komm runter, da kommt der Zug,“ sage ich und höre mich dabei selbst. Ich bin erstaunt, wie ruhig meine Stimme klingt. Sie stellt sich neben mich. Als der Zug kommt, reißt der Windzug uns fast mit.

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