Nicht der ganz große Coup: Amazons Sneaky Pete

Sneaky Pete Giovanni Ribisi Bryan Cranston
© AMAZON

Nach dem Woody Allen Rohrkrepierer Crisis in Six Scenes, dem viel bejubelten Transparency und dem mit großer Aufmerksamkeit bedachten The Man in the High Castle schickt Amazon mit Sneaky Pete eine neue Eigenproduktion ins Rennen, um seinen Streaming-Dienst weiter auf dem Markt zu festigen. Mit Graham Yost und Bryan Cranston sind auch zwei Serien-Schwergewichte mit an Bord. Das ganz große Suchtpotential entfaltet die Geschichte um einen Trickbetrüger allerdings nicht.

Serien haben das Kino als dominierendes audio-visuelles Medium abgelöst, seit HBO-Serien wie The Sopranos, The Wire oder Six Feet Under zur Jahrtausendwende neue Qualitätsstandards gesetzt haben. Komplexe Handlungsstränge, hochkarätige Schauspieler und hohe Budgets haben Serien zur Visitenkarte einzelner Spartensender gemacht: bald zogen AMC mit Perlen wie Breaking Bad oder Better Call Saul sowie FX mit Sons of Anarchy oder Justified nach. Nachdem Fernsehen – ja, das volksverdummende Fernsehen – das Kino in Sachen Bewegtbildkunst überholt hat, setzten Streamingdienste wie Netflix vor wenigen Jahren zum Angriff auf das Fernsehen an. Wieder sind es teuere Eigenproduktionen, die zum Aushängeschild der Dienste werden und somit Abonnenten binden sollen. Was bei Netflix mit dem mit vielen Emmy Awards bedachten House of Cards (Hauptrolle: Oscarpreisträger Kevin Spacey) seinen Anfang nahm, wird von anderen Mitbewerbern fortgesetzt: Amazon gelang in der Folge mit der Dramedy Transparency ein ebenfalls preisgekrönter Start als Filmstudio. Andere Serien wie das Crime Drama Bosch oder Hand of God kamen aber nicht über Mittelmaß hinaus und zogen nur wenig Aufmerksamkeit auf sich.

Das mag auch daran liegen, dass sich das Erfolgprodukt „Qualitätsserie“ so langsam selbst zu überholen scheint. Denn die konfliktbeladenen, männlichen Anti-Helden, die seit The Sopranos in fast keiner als „komplex“ vermarkteten Serie fehlen dürfen, machen das einst Neue doch sehr schablonenhaft. HBO warb einst mit dem Slogan „It’s not TV, it’s HBO“. Und so war es dann zum Teil auch, wenn eine Serie wie The Wire eine derartige Sogwirkung erzielte, dass man ganze Staffeln am Stück schaute: Plötzlich ist es Sonntag Abend, die Augen trocken, das Bett voller Chipskrümel und der Abwasch verkrustet in der Spüle. Wer heute die Angebote der Streaming Dienste wahrnimmt, muss feststellen, dass vieles davon eben doch „nur“ TV ist. Der Suchtfaktor fehlt auch bei Amazons neuem Streich Sneaky Pete – und das obwohl die Fallhöhe für den titelgebenden Hauptcharakter denkbar hoch ist.

Mit Bryan Cranston als Produzenten und Nebendarsteller sowie Graham Yost als Showrunner, der zuletzt mit seiner Serie Justified die Kritiker begeisterte, verfügt die Show über genügend Starpotential, um die Menschen vor den Bildschirm zu locken. Und es geht auch schmissig los: Marius Josipovic (Giovanni Ribisi) hat eine dreijährige Haftstrafe abgesessen. Doch draußen wartet nichts gutes auf ihn. Die Vergangenheit als gerissener Trickbetrüger ist nicht in Vergessenheit geraten. Denn kurz bevor er eingefahren ist, hat er, sein Bruder Eddie (Michael Drayer) und weitere Mitglieder seiner Truppe von Gaunern versucht, den Inhaber eines illegalen Casinos, Vince Lonigan (Bryan Cranston), übers Ohr zu hauen. Dabei wurde nicht nur ein Mitglied des Gauner-Kollektivs umgelegt, es wurden auch 100.000 Dollar Schulden gemacht. Vince hat Eddie inzwischen zum Leibeigenen gemacht, ist mit der Weggefährtin Karolina (Karolina Wydra) liiert und will sein Geld zurück. Er gibt ihm genau eine Woche Zeit dafür – andernfalls wird er Eddie um einige Körperteile erleichtern.

Es ist also eine mehr als schwierige Ausgangslage für das Leben nach dem Knast. Doch Marius wäre kein Trickbetrüger, wenn er nicht das eine oder andere Ass aus dem Ärmel schütteln könnte. Sein Zellennachbar Pete, der wegen bewaffneten Raubüberfalls noch eine lange Zeit sitzen wird, hat ihm drei Jahre lang detailliert von der Farm seiner Großeltern erzählt. Da beide ähnlichen Alters sind und Pete die Großeltern samt Verwandtschaft nicht mehr gesehen hat, seit er 11 Jahre alt war, stiehlt Pete seine Identität. Aus Marius wird Pete.

Die erste Staffel macht also zwei Baustellen auf, um Spannung zu erzeugen: Kann Pete die 100.000 Dollar für seinen Bruder zusammenkratzen und gelingt es ihm, die ergaunerte Familie über sein wahre Identität zu täuschen? Beide Handlungsstränge sind natürlich miteinander verquickt: Das Geld will Pete von der Familie stehlen. Diese betreibt ein Kautionsbüro und so sollte sich im Safe dort eigentlich stets ein hübsches Sümmchen verbergen.

Die Pilotfolge ist eine stimmige Mischung aus seriellem und episodischem erzählen. Während Pete nach Wegen sucht, seinen Bruder aus seiner misslichen Lage zu befreien, hilft er im Familiengeschäft bei einem aktuellen Fall aus. Diese Mischung aus kurzen, über Einzelepisoden abgewickelten Plots und der seriellen Erzählweise wird aber schon ab der zweiten Folge aufgegeben. Stattdessen werden immer neue Handlungsstränge aufgemacht, die sich über mehrere Episoden entfalten. Denn Petes Familie lebt nicht das idyllische Farmleben, das er sich ausgemalt hat. Auch der Safe im Kautionsbüro scheint leer zu sein. Pete ist also nicht der Einzige, der Geheimnisse hat und scheinbar krumme Dinger dreht.

Der Zuschauer muss fast schon mitschreiben, um nicht den Überblick zu verlieren. Da wäre die Nichte, die Pete nicht traut und ihn zu enttarnen droht. Die neue Cousine hat eine On/Off-Beziehung zum Vater ihrer Kinder, der wiederum ein schmieriger Anwalt ist und Grandma übers Ohr ziehen will. Der Cousin ist Polizist und in eine Affäre mit einer verheirateten Frau verwickelt. Auch zwischen Grandma und Grandpa stimmt es irgendwie nicht. Dabei wechselt die Serie immer wieder zwischen Provinz und Großstadt, um auch bei Eddie, Vince und Co. vorbeizuschauen.

Verwirrung gehört natürlich zum Trickbetrug und in sofern bleibt die Serie ihrem Hauptcharakter treu. Dennoch: Komplex ist nicht immer gut und gegen Mitte der ersten Staffel kommen Zweifel auf, ob man das alles glaubhaft noch auf den Punkt bekommt. Auf Zuschauerseite ist höchste Konzentration gefragt, um den vielen, teils etwas zu konstruiert wirkenden Handlungssträngen zu folgen und gegebenenfalls die Verbindungen untereinander herzustellen. Zeit, die einzelnen Charaktere zu entwickeln, damit den Zuschauer letztlich auch interessiert, was mit ihnen geschieht, bleibt bei einigen auf der Strecke. Auch dass die 10 Folgen einen Zeitraum von gerade sieben Tagen abdecken sollte, bei dem was auf dem Spiel steht, den Puls auf Trab halten. Eine Folge beginnt wo die vorherige endete. Dennoch fühlt man sich nicht getrieben, die Staffel am Stück zu schauen. Die Spannung verpufft viel zu oft beim Sprung von einem Handlungsstrang zum nächsten.

Dass man dennoch bis zum Ende dran bleibt, hat vor allem zwei Gründe: Das Ensemble liefert durch die Bank eine starke Leistung ab. Bryan Cranston hatte ja bereits in Breaking Bad Gelegenheit, sein Können als selbstverliebter Gangster-Boss unter Beweis zu stellen – der Wechsel von charmant zu beängstigend gelingt nur wenigen so mühelos. Auch Margo Martindale als schroffe Matriarchin und Hauptdarsteller Giovanni Ribisi geben eine glänzende Vorstellung. Der zweite Grund: die Serie enthält dem Zuschauer eine Menge Informationen vor. Das ist einerseits frustrierend, weckt aber Neugier. Denn Marius/Pete und seine Gaunertruppe wollen ein ganz großes Ding drehen. Und ob das gelingt, will man dann doch noch sehen.

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