Brot und Spiele: Freitags auf dem Sachsenmarkt Lingnerallee

Dresden, Wochenmarkt, LingneralleeWer seinen Lebensmittelvorrat mit frischen Erzeugnissen aus der Region auffüllen möchte oder sich zur Mittagspause ein Drei-Gänge-Menü aus Wust, Semmel und Senf gönnen will, kommt Freitag zum Sachsenmarkt Lingnerallee. Um die aus zwei von Marktständen gesäumten Alleen komplett zu erkunden, sollte man etwas Zeit mitbringen.

Wer es eilig hat, kann sich zwischen zwei Ständen hindurch auch eine Abkürzung suchen. Doch Gefahr lauert: Beim Gewürzstand bekommt das eher gemütliche Treiben plötzlich etwas Biss. Während ich mit einem Beutel Oregano für 95 Cent in den Händen gedankenverloren nach weiteren Gewürzen Ausschau halte, versucht sich eine willensstarke Frau am Gewürzstand vorbei zur anderen Seite durchzuzwängen.
„Sie können hier nicht durch!“ springt die Standbetreiberin aus ihrem Stuhl und verstellt den Weg.
„Lassen Sie mich durch!“
„Hier ist ein Hund, da können Sie nicht durch.“
„Ich will hier durch!“ entgegnet es mit dem Trotz eines Kindes, dem man an der Supermarktkasse das Eis verwehrt.
„Ver-ste-hen Sie doch, hier ist ein Hund, wenn der Sie beißt…“
„Wenn der Hund mich beißt, verklag ich Sie!“ wird kaltschnäuzig hervorgebellt. Wer wohl bissiger ist?

Da niemand gewillt ist, der nach freien Wegen dürstenden Frau beizusstehen, gibt sie Todesblicke verteilend auf.

Am Ende der ersten Marktallee stehen am Bratwürstchenstand die Männer in der Schlange, während ihre Frauen das nächste Schnäppchen schlagen.

Etwas weiter reihen sich am Lángosstand einige Mittagspäusler in Geschäftsskleidung auf. Eine Rentnerin unterbricht das Verkaufsgeschehen mit der Frage, wie viel es „ohne alles“ kostet. Es kostet, die Preistafel zeigt es ja eigentlich an, 2.50. Dieser Preis wird der Fragenden auch mitgeteilt, worauf diese verächtlich abwinkt. Die Straße weiter runter schauend, halten sich meine Augen an einem weiteren Stand fest: Empanadas.

Dort angekommen, wird mir nicht nur der Magen gefüllt, auch das Herz etwas angewärmt. Die Kundin vor mir stellt fest, dass der Bestellwert ihren mitgebrachten Bargeldvorrat übersteigt. Sie will kurz zurück zu ihrem Stand, um mehr zu holen. Die Empanada-Köchin winkt ab: „Ist okay,“ sagt sie mit spanischem Akzent und muss es drei Mal wiederholen, bis die Überraschte ob der Erkenntnis, dass das Kapital die Marktwirtschaft hier im Kleinen eben doch nicht gänzlich zerfressen hat, ihre drei Empanadas zum Discount-Preis entgegen nimmt.

Dennoch sollte man sich nicht täuschen. Nur die Stärksten setzen sich durch: Am Ende des Marktes thronen die Fischzüchter über den Häuptern der Markbesucher auf ihrem mit Wasserbassins bestückten Lastwagen und klöppeln Karpfen auf Zuruf tot. Brot und Spiele: Wer am Freitag die Mittagspause woanders verbringt, verpasst das Leben.

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Öffnungszeiten: Der Wochenmarkt kann jeden Freitag von 8 bis 16:30 Uhr besucht werden. Im Falle eine Feiertags wird der Markt in der Regel um einen Tag vorverlegt.

Erreichbarkeit: Am besten erreicht man den Sachsenmarkt Lingnerallee mit den Straßenbahnlinien 10 und 13 (Haltestelle Großer Garten).

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Dieser Text erschien erstmals in 360 GRAMM Nr. 1 (2016).

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